www.bergbahnen.org
Seilbahnlexikon
3. Standseilbahnen dienen als erste seilgezogene Aufstiegshilfen
3.1 Entstehung und allgemeiner Aufbau der Standseilbahn
Mit der Erfindung des Drahtseils ergab sich erstmals die Möglichkeit, Personen sicher seilgezogen den Berg hinaufzubefördern. Die Erfindung der Standseilbahn sorgte auch in der Schweiz die flächendeckende Entwicklung der Seilbahnen. 1862 konnte im französischen Lyon erstmals eine solche Bahn den Betrieb aufnehmen.
Doch was versteht man unter dem Begriff der Standseilbahn? Bei diesen Bahnen handelt es sich um das einzige Seilbahnsystem, das schienengebunden ist. Je nach Bahntyp pendeln ein oder zwei Wagen zwischen Tal- und Bergstation hin und her, während sie über Schienen fahren, analog zur Eisenbahn. Am weitesten verbreitet ist das System der Pendelstandseilbahn, bei dem zwei Wagen zwischen der Berg- und Talstation hin und her pendeln. Beide Wagen sind über ein Drahtseil miteinander verbunden, welches in der Bergstation über eine Antriebsscheibe läuft und so die Wagen bewegt. Jedoch gibt es auch Bahnen mit nur einem Wagen, bei denen das Förderseil meist in der Bergstation auf einer Winde auf- und abgerollt wird. In diesem Fall spricht man auch von einer Windenbahn. Insgesamt gibt es aber eine Vielzahl unterschiedlicher Kombinationen der Systeme, wie beispielsweise Bahnen mit Gegengewichten. Die Antriebskraft wird dabei auf zwei verschiedene Arten erzeugt. Die ersten Bahnen, die noch vor der Jahrhundertwende gebaut wurden, benötigten keinen Strom, da die Bahnen per Wasserballast betrieben wurden. Beide Wagen waren mit einem Tank ausgerüstet. Der Tank des Wagen, der sich in der Bergstation befand, wurde so lange mit Wasser gefüllt, bis er schwer genug war, um den zweiten Wagen hinaufzuziehen. Dieses System kam letztmals 1899 in Fribourg zum Einsatz, wo man das Wasser der Kanalisation als Antriebskraft nutzte. Diese Bahn ist heute die letzte, die dieses System noch anwendet, alle anderen Bahnen wurden auf Elektromotoren umgebaut. Schon während der ersten Jahre Standseilbahnbau in der Schweiz zeichnete sich ein Konkurrenzkampf zwischen den Ludwig Von Roll'schen Eisenwerken und der Maschinenfabrik Bell ab, die in der Folge zahlreiche Standseilbahnen errichten konnten.
Am deutlichsten ist die Entwicklung aus der Zahnradbahn daran festzumachen, dass in den Anfängen der Standseilbahnen als Sicherungsbremse ein Zahnstangensystem eingesetzt wurde, die im Falle eines Seilrisses den Wagen sicher gestoppt hätte. Bis 1893 wurde dieses System bei allen Schweizer Standseilbahnen eingesetzt. Beim Bau der Stanserhornbahn, der wiederum durch die Firma Bell durchgeführt wurde, kam erstmals das so genannte System Bucher-Durrer zum Einsatz, bei welchem eine Bremse direkt an den Führungsschienen angebracht ist. Im Falle einer abfallenden Spannung des Förderseils greift die Bremse an die Schiene und schraubt sich dort fest. Die Konstruktion von Bucher-Durrer setzte sich im Laufe der Zeit durch, sparte man sich doch auf diese Weise die Kosten für den Bau einer Zahnstange. Bahnen mit Wasserballast wurden jedoch weiterhin mit einer Zahnstange ausgerüstet, um den talfahrenden Wagen vor der Station abzubremsen.
Ebenfalls wegweisend war die Erfindung der Abt’schen Ausweiche. Roman Abt, seines Zeichens auch Erfinder des Abt’schen Zahnstangensystems, entwickelte eine Ausweiche für Pendelstandseilbahnen mit zwei Wagen. Zuvor hatten beide Wagen eine eigene, seperate Schiene. Abts Erfindung liess es nun zu, nur noch eine Trasse zu bauen und exakt in der Mitte der Strecke, wo sich beide Wagen kreuzen, eine Ausweiche mit zwei Gleisen zu erstellen. Da man jedoch nicht wie bei Eisenbahnen eine aufwändige Weichenanlage mit beweglichen Teilen bauen wollte, wurde nur die äusseren Räder der Wagen mit einem Spurkranz versehen, der die Richtung vorgibt, die inneren Räder hingegen wurden mit Walzrädern versehen, die ausschliesslich für Stabilität sorgen, nicht aber für die Richtung verantwortlich sind. Erstmals wurde dieses System bei der Giessbachbahn im Berner Oberland 1879 eingesetzt.
3.2 Verbreitung in der Schweiz
Die erste Standseilbahn auf Schweizer Boden entstand 1877 in Lausanne am Genfer See als Verbindung vom Seeufer Ouchy in die Innenstadt. Diese von der Maschinenfabrik Bell (Kriens) erstellte Bahn kann man als erste Schweizer Seilbahn der Neuzeit bezeichnen. Sinn und Zweck der Anlage war jedoch nicht, wie man vermuten könnte, eine touristische Orientierung, welche erst einige Jahre später zum Tragen kam, sondern eine schnelle Verbindung von der Unter- zur Oberstadt. Dieses System erfreute sich grosser Beliebtheit und wurde in der Folge in zahlreichen anderen Schweizer Städten wie Luzern, Biel, Bern, Zürich, Lugano, Locarno, Neuchâtel, Fribourg und St. Gallen vielfach eingesetzt. Ebenfalls eingesetzt wurden die Standseilbahnen aber auch zur Erschliessung von Bergdörfern wie Crans-Montana, Mürren, Braunwald oder dem Beatenberg, die sich später zu touristischen Zentren ausbildeten. Daneben wurden Standseilbahnen auch zum Bau und zum Betrieb von Kraftwerken eingesetzt, wie beispielsweise am Grimselpass oder im Reusstal. Die erste touristisch orientierte Anlage war die Giessbachbahn im Berner Oberland nahe Brienz. Sie diente als Verbindung vom Grandhotel Giessbach zu einer Schiffsanlegestelle am Brienzer See.
Mit dem aufkommenden Tourismus in der Schweiz wurden Standseilbahnen jedoch auch für Bergerschliessungen eingesetzt, was erstmals 1893 am Stanserhorn bei Luzern der Fall war. Doch nicht nur das machte die Stanserhornbahn zu einer absoluten Pionieranlage. Eine Länge von knapp 4 km und eine Höhendifferenz von 1390 m, aufgeteilt in drei Sektionen, waren europaweiter Rekord. In der Folge entstanden bis zum ersten Weltkrieg zwei weitere solche Bahnen am Muottas Muragl und am Niesen. Die Erschliessung der beiden Berge, die in Graubünden respektive dem Berner Oberland liegen, unterstrich schon damals die zentrale Bedeutung des Tourismus für diese Regionen.
Bis heute sind die meisten dieser Bahnen noch in Betrieb, teilweise noch nahezu original, wie die 1879 erstellte Giessbachbahn bei Brienz, teilweise auch modernisiert. In Städten sind diese Bahnen weitestgehend in das öffentliche Nahverkehrssystem integriert und haben die gleiche Wichtigkeit wie Bus oder Strassenbahn.
Die touristische Erschliessung der Berge nahm bis zum ersten Weltkrieg nur sehr langsam zu, sodass die 1899 erbaute Schatzalpbahn in Davos und die 1913 erstellte Chantarellabahn in St. Moritz die ersten und einzigen Standseilbahnen für lange Zeit bleiben sollten, die ausschliesslich für den Skitourismus, der in jener Zeit ohnehin nur als kurzzeitige Modeerscheinung angesehen wurde, gebaut wurden.
Während des ersten Weltkrieges wurde der Bau von Bahnen auf eidgenössischem Boden fast gänzlich eingestellt. Die einzige Bahn, die während dieser Zeit gebaut wurde, war die 1916 fertig gestellte Standseilbahn Treib-Seelisberg am Vierwaldstättersee. Ganz im Gegenteil zu anderen europäischen Staaten, denn insbesondere Materialseilbahnen spielten in Deutschland, Italien und Frankreich im ersten Weltkrieg eine zentrale Rolle.
Nach 1918 wurden nur noch vereinzelt Standseilbahnen erstellt, man setzte fortan auf deutlich flexiblere Luftseilbahn (siehe folgendes Kapitel). Während der Zwischenkriegszeit blieb es bei einigen Anlagen in touristischen Zentren wie Davos, Toggenburg oder St. Moritz, wo noch Standseilbahnen zum Skifahren gebaut wurden sowie bei einigen Kraftwerksbahnen.
1980 baute Von Roll die erste Standseilbahn seit 1944, die für skifahrerische Zwecke gedacht war, in Zermatt. Grund dafür war, dass man auf der einen Seite eine kapazitätsstarke Anlage als Zubringer ins Skigebiet benötigte, auf der anderen Seite aber die Natur und das Bergpanorama nicht beeinträchtigen wollte. Die daher vollständig unterirdisch gebaute Anlage war wegweisend für viele andere Skigebiete, die in der Folge ähnliche Projekte verwirklichten. So entstand nur vier Jahre später in Saas Fee die höchste Standseilbahn der Welt, die bis auf 3500 Meter Höhe führt. Auch diese befördert die Gäste vollständig unter dem Erdboden. Hiermit konnte eine witterungsunabhängige Bahn realisiert werden, die ausserdem das Bergpanorama in keiner Weise beeinträchtigt. In St-Luc im Val d'Anniviers wurde Anfang der 90er Jahre genau wie in Zermatt eine Sesselbahn durch eine kapazitätsstarke und mehrheitlich wetterunabhängige Standseilbahn ersetzt. Seitdem wurden bis auf wenige Ausnahmen hauptsächlich alte Standseilbahnen automatisiert und erneuert.
Zum vorherigen Kapitel | Zum nächsten Kapitel








