Kurztrip in die Slowakei | 18.-21. August 2009

Sommerberichte aus anderen Ländern auf dem Globus.
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Felix
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Kurztrip in die Slowakei | 18.-21. August 2009

Beitrag von Felix » Mi, 02.09.2009, 18:47

Kurztrip in die Slowakei | 18.-21. August 2009

Manchmal braucht man ein wenig Glück im Leben und dieses hatte ich, als mich vor einem guten halben Jahr ein Bekannter aus der Slowakei fragte, ob ich ihn nicht im Sommer einmal in der Slowakei besuchen könnte zum Seilbahnfahren. Das überlegte ich mir natürlich nicht zweimal, denn so eine Chance würde sich mir wohl sonst nicht so bald wieder bieten - insbesondere wenn man bedenkt, dass die Seilbahnkultur im Osten eine ganz andere ist als in unseren Gefilden. Ein Blick auf die Landkarte zeigte, dass der Heimatort meines Bekannten nur eine knappe Autostunde von klingenden Namen wie den Skigebieten Chopok oder Lomnický štít entfernt sein sollte. Nicht zuletzt sollten an diesen beiden Orten die interessantesten Seilbahnen der ganzen Slowakei stehen: Zwei VR101 von Transporta Chrudim, eine stillgelegte Pendelbahn der Vorgängerfirma František Wiesner und und und...

Am 18. August stehe ich gegen Mittag am Flughafen Frankfurt Hahn und checke für den Flug nach Bratislava ein. Früh buchen zahlt sich in diesem Fall aus. Ausschliesslich mit Handgepäck bestückt für die drei kommenden Tage kostet mich der Flug alles in allem 10 Euro. Trotz einer unruhigen Landung steige ich eine gute Stunde später pünktlich aus der Boeing 737 am Flughafen Bratislava aus und werde sogleich per Bus zum Ausgang befördert, wo auch schon mein Kollege auf mich wartet. Ohne ihn und seine Kenntnisse der slowakischen Sprache würde ich mich wahrscheinlich nie zurecht finden. Für mich ist es das erste Mal, dass ich in einem Land bin, in dem ich mit der Sprache überhaupt nichts anfangen kann. Auf der einen Seite eine ganz neue Erfahrung, sich mit Händen und Füssen zu verständigen, mit der Dauer aber zunehmend nervtötender. Nach einer schier endlosen Busfahrt im Stau durch Bratislava bei 33° C im Schatten macht mich mein Kollege erst einmal mit dem slowakischen Nationalgetränk, Koffola, vertraut. Sollte angeblich wie Cola schmecken, im Endeffekt ist es aber eigentlich nicht vergleichbar damit. Bevor uns die slowakische Eisenbahn nach Ružomberok bringt, geht es noch ein paar Stunden durch die Stadt, ein ausgesprochen schöner Fleck auf der Erde, wenn auch die Kontraste zwischen dem in den letzten 20 Jahren sanierten Stadtkern und den verfallenen sozialistischen Relikten der Stadt doch extrem erscheinen.

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In den verwinkelten Gassen von Bratislava. Dieser Bereich ist eine wahre Touristenfalle.

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Gegensätze auf dem Vorplatz des Republikpalastes: Leerstehende sozialistische Relikte mit Werbung einer bekannten Mobilfunkgesellschaft

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Der Platz mit dem Republikpalast aus einer anderen Perspektive

Gegen 18 Uhr erreichen wir den Hauptbahnhof von Bratislava, der gemeinsam mit dem anliegenden Wendepunkt für die lokale Strassenbahn ebenfalls noch einen sehr sozialistisch angehauchten Eindruck abgibt. Verlassen und heruntergekommen präsentiert sich das Bahnhofsgebäude - und das in der Hauptverkehrszeit. Konträr dazu zeigt sich die Handykultur der Slowaken. Zugtickets werden nur in Ausnahmen am Schalter verkauft - in der Regel werden sie per SMS bestellt und der Fahrpreis entsprechend abgebucht. Ebenso paradox erscheint mir der Aufbau der Zugkomposition: Der Grossteil der Wagen besteht aus uralten, sehr stylischen Wagen mit Abteilen für acht Personen. Dazwischen treffen wir aber auch immer wieder auf moderne, klimatisierte Wagen, allerdings kein Unterschied im Fahrpreis - hier gibt es nur zweite Klasse. Somit ist es bei dem sehr heissen Wetter nicht verwunderlich, dass die klimatisierten Wagen bereits voll besetzt sind. Schon bald aber senkt sich die Sonne hinter den ersten aufkommenden Hügeln nördlich von Bratislava. Ein enormer Unterschied zur Schweiz oder zu Deutschland, wo die Sonne am gleichen Tag stellenweise eine ganze Stunde später verschwindet. Gegen 22 Uhr erreichen wir nach einmal Umsteigen Ružomberok und somit die Wohnung meines Kollegen. Ein Tag mit vielen neuen interessanten Eindrücken nimmt sein Ende. Drei weitere sollen folgen...
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Re: Kurztrip in die Slowakei | 18.-21. August 2009

Beitrag von Dani » Mi, 02.09.2009, 18:54

Hey vielen Dank! Da freu ich mich sehr drauf.
Früh buchen zahlt sich in diesem Fall aus. Ausschliesslich mit Handgepäck bestückt für die drei kommenden Tage kostet mich der Flug alles in allem 10 Euro
WAS? :shock: Mit Crash Shuttle Airways? :D
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Re: Kurztrip in die Slowakei | 18.-21. August 2009

Beitrag von Felix » Mi, 02.09.2009, 19:00

Dani hat geschrieben:Hey vielen Dank! Da freu ich mich sehr drauf.
Früh buchen zahlt sich in diesem Fall aus. Ausschliesslich mit Handgepäck bestückt für die drei kommenden Tage kostet mich der Flug alles in allem 10 Euro
WAS? :shock: Mit Crash Shuttle Airways? :D
Nein, ich wählte die Never-come-back-Airline :D. Äh, nein, die hören auf den Namen RyanAir ;)

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Re: Kurztrip in die Slowakei | 18.-21. August 2009

Beitrag von Mirco » Mi, 02.09.2009, 20:52

War der Flug angenehm? :)
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Re: Kurztrip in die Slowakei | 18.-21. August 2009

Beitrag von Felix » Do, 03.09.2009, 15:52

Jasná-Chopok (SK) | 19. August 2009

Der nächste Morgen präsentiert sich, wie es der Wetterbericht vorhergesagt hat: es ist sonnig und weit und breit keine Wolke zu sehen. Nach einen ausgiebigen Frühstück (das Essen und die Spezialitäten in der Slowakei sind übrigens hervorragend!) geht es Richtung Osten in die niedere Tatra. Schon bald bauen sich vor uns die ersten Bergzüge der niederen Tatra auf, ein Gebirgszug in den Karpaten der Slowakei. Auch der Kriváň, seines Zeichens mit 2494 Meter Höhe einer der höchsten Berggipfel der Slowakei und der gesamten Karpaten, ist zu sehen. Das "Krummhorn", wie der Berg zu deutsch heisst, ist in der Slowakei einer der bekanntesten Gipfel und ist auch auf der 1, 2 und 5 Cent-Münze abgebildet. Nach und nach wird auch die Hohe Tatra, die nordöstlich der niederen Tatra liegt, erkennbar, auch wenn es heute leider sehr diesig ist und uns somit die Ausblicke auf die markanten Gipfel verwehrt bleiben. Nichts desto trotz erreichen wir bei strahlendem Sonnenschein gute 40 Minuten nach Aufbruch den Parkplatz der Sesselbahn Záhradky-Rovná hoľa am Fusse des bekanntesten Skigebietes der niederen Tatra, Jasná-Chopok. In diesem Bereich der Slowakei wird schon seit Jahren die Infrastruktur grossflächig verbessert, was sich insbesondere im Ausbau des Strassen- und Autobahnnetzes bemerkbar macht. Laut meinem Kollegen ist dies insbesondere im Süden des Landes bei weitem nicht so stark der Fall.

Nach dem Kauf der Fahrkarten stellt sich das erste Mysterium dieses Skigebietes heraus: Trotz langer Warteschlange fährt die Sesselbahn nur alle halbe Stunde. So müssen wir eine knappe Viertelstunde warten, ehe es nach oben gehen kann. Ich nutze die Zeit zur Dokumentation einer Skilifte im Bereich Záhradky.

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Übersichtskarte der Nordseite des Chopok. Wir befinden uns an der Talstation der Bahn ganz links auf dem Plan. Mit ihr und der folgenden Sektion werden wir Richtung Chopok Uboč hinauf fahren. Die restlichen Bahnen sind geschlossen bzw. sind nur zu bestimmten Zeiten im Sommer offen. Ganz rechts auf dem Plan wird zudem erwähnt, dass die Bahn Otupné-Brhliská, eine uralte Poma-Eiergondelbahn, diesen Sommer durch ein neues Fabrikat ersetzt wird.

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Ein Blick auf den Skilift Záhradky, ohne Zweifel ein Exemplar von Tatrapoma. Unschwer erkennbar ist auch, dass die Piste, wie nahezu alle im gesamten Gebiet, grossflächig beschneit werden kann. Auch Nachtski ist an diesem Lift möglich.

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Wenige Meter nebenan treffe ich auf einen weiteren Tatrapoma-Skilift, dessen Name mir aber nicht bekannt ist. Wie sich später herausstellt, handelt es sich dabei um einen extrem steilen Skilift mit Kurve.

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Nach langen Minuten in der Warteschlange wird die Bahn um Punkt 10.30 Uhr angestellt und die Bergfahrt mit der Doppelmayr-Sesselbahn aus dem Jahr 2003 kann beginnen.

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Unterwegs mit der Sesselbahn, die eine Zweiersesselbahn von Tatrapoma ersetzte.

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Ein Blick nach Luková, ehemalige Mittelstation der Sesselbahnen bis auf den Chopok-Gipfel. Heute erreicht man den Chopok-Gipfel auf ganz andere Art und Weise, aber dazu später mehr.

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Die einzige verbliebene Verbindungsbahn zum Gipfel und damit Verbindung zum Skigebiet auf der Südseite ist die Tatrapoma-Sesselbahn Rovná hoľa-Chopok Uboč.

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Die Aussicht von der Mittelstation Rovná hoľa - bereits hier ist das Panorama durchaus sehenswert.

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Unterwegs in der zweiten Sektion. Die alten Poma-Sessel wurden im vergangenen Jahr leider durch neue ersetzt.

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Kurz vor der Bergstation

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Einziger Zubringer zum Chopok ist seit der Einstellung der Sesselbahn Luková-Chopok Ende der 90er Jahre dieser Tellerlift, den es aber erst wenige Jahre gibt.

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Panorama vom Wanderweg Chopok Uboč-Chopok Richtung Nordosten. Die hohe Tatra ist inzwischen von einigen Wolken eingehüllt.

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Zoom zur Bergstation der ehemaligen Kabinenbahn Otupné-Brhliská, die sich im Abbruch befindet.

Auf dem Chopok angekommen gibt es natürlich zunächst nichts interessanteres als die Erkundung der Stationen der alten Sesselbahnen. Sowohl von Norden wie auch von Süden führten einst je zwei Sektionen VR101 auf den Gipfel. Während die jeweils unteren Sektionen schon vor vielen Jahren durch neue Sesselbahnen ersetzt wurden, sind die oberen beiden noch etwas länger in Betrieb gewesen und wurden erst Jahre nach der Einstellung durch Tellerlifte indirekt ersetzt, als Notlösung quasi zur Verbindung der beiden Bergseiten.

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Von der nordseitigen Bahn ist leider nicht mehr viel zu sehen. Einige Arbeiter sind gerade dabei, die Stützenfundamente restlos zu entfernen, nachdem die Stützen und das Seil bereits Anfang des Jahres abgebaut und verschrottet wurden. Die Bergstation hingegen ist noch vollumfänglich vorhanden - mehr als dieses eine Foto konnte ich jedoch nicht machen, da sämtliche Eingänge gut verriegelt waren.

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Auf der Südseite sieht es noch etwas besser aus, zumindest auf den ersten Blick. Hier steht die Bahn noch komplett, betriebsbereit kann man den Zustand aber leider nicht mehr bezeichnen.

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Aussicht Richtung Süden mit der stillgelegten Sesselbahn Kosodrevina-Chopok. Bei allen VR101 handelte es sich um Lizenzbauten der Firma Transporta aus Chrudim.

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Glücklicherweise ist auf der südseitigen Bahn eine Tür nur angelehnt und so kann ich ungestört die Bergstation erkunden. Einem VR101-Fan wie mir treibt es allerdings beim Anblick verschiedener Komponenten der Bahn die Tränen in die Augen...

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Blick auf die Trasse der Bahn, bei der das Seil bergseitig schon an einer Stütze heruntergefallen ist.

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Im Inneren der Bergstation: Gerümpel, Schrott und viel Rost.

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Dieser Klemme würde ich nicht mehr allzuviel anvertrauen...

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Blick auf die Umlenkscheibe und die verbliebenen Sessel.

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Die letzte Ausfahrt eines Sessels dürfte wohl nun auch schon ein paar Jahre zurückliegen. Selten habe ich ein derart verrostetes Seil gesehen...

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Eines ist klar: diese Sesselbahn wird nie mehr in Betrieb gehen!

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Aber auf der Südseite gibt es auch noch ein paar andere Anlagen, wie beispielsweise diese Skilift von Tatrapoma, der den höchsten Punkt der beiden Skigebietsteile erschliesst.

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Blick nach Kosodrevina, wo die erste Sektion VR101 schon Anfang der 90er Jahre durch eine kuppelbare Bahn von Tatrapoma ersetzt wurde.

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Der Chopok-Gipfel

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Aussicht über den Hauptkamm der niederen Tatra

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Nach einem kurzen Pick-Nick unterhalb des Gipfels bietet sich uns beim Abstieg dieses Bild auf Luková, die Mittelstation der VR101-Kette Chopok Nord. Im Tal im Hintergrund bedient seit letztem Jahr eine Doppelmayr-Sesselbahn mit Kindersicherung die Übungshänge.

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Das letzte Fundament der VR101 Luková-Chopok. Alle anderen werden gerade von Arbeitern entfernt.

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Die erste Stütze der Sesselbahn lässt man als Denkmal stehen, eine sehr schöne Entscheidung, die ich auch in Kandersteg sehr begrüsst hätte.

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Zubringer nach Lukova ist heute ein neuerer Jahrgang: Eine Sesselbahn von Tatrapoma.

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Noch deutlich interessanter wird es im Inneren der Station Luková. Die Talstation der Sesselbahn wurde vergangenes Jahr zu einem Restaurant umfunktioniert, wobei die Stationskomponenten wie Antrieb und Umlauf saniert wurden und heute das Restaurant schmücken.

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Die Talstation mit dem Antrieb. Im Sommer ist hier ein kleines Naturmuseum aufgebaut.

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Nett finde ich ja auch diese Halter für Gewürze. Hier hat man sich wirklich etwas Originelles einfallen lassen!

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Ein Blick auf die Beschleunigungsschiene der VR101

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Einen weiterer Zubringer nach Luková stellt diese Sesselbahn mit fixen Klemmen dar. Auch hier handelt es sich - wen wundert es - um ein Produkt von Tatrapoma.

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Ein Blick auf die FIS-Skipiste, auf der regelmässig im Winter Alpinskiwettkämpfe stattfinden. Eine durchaus steile und anspruchvolle Piste. Im Gegensatz zu vielen leider sehr stark remodellierten Skipisten in diesem Gebiet verläuft diese noch relativ natürlich mit Kuppen und Senken den Berg hinab.

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Die Bergstation des steilen Skilifts im Bereich Záhradky, dessen Talstation schon weiter oben angesprochen wurde.

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Drei Bahnen im Bereich Otupné-Luková, zwei Mal davon Tatrapoma, sowie ein Skilift von Doppelmayr.

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Der Nachtskihang Záhradky

Nach einem am Ende zähen Abstieg für meine Knie kommen wir gegen 16 Uhr wieder am Parkplatz in Záhradky an, von wo es wieder zurück nach Ružomberok geht. Interessante Entdeckungen nehmen für den heutigen Tag ihr Ende. Wer die VR101 am Chopok noch halbwegs komplett erleben möchte, dem ist Beeilung geraten, denn so wie es aussieht plant das Skigebiet den Bau einer neuen Sechsersesselbahn auf den Gipfel. Die Modernisierungswelle hat nun auch endgültig den Osten erreicht und somit dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch in dieser Region die letzten VR101 ihren Betrieb für immer einstellen.

Alle Bilder kann man sich in diesem Album der Fotogalerie ansehen.
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Re: Kurztrip in die Slowakei | 18.-21. August 2009

Beitrag von Marco » Di, 08.09.2009, 21:04

@Felix

Sehr intressanter Bericht aus der Slowakei. Danke!

Gruss Marco

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Re: Kurztrip in die Slowakei | 18.-21. August 2009

Beitrag von Felix » Mi, 09.09.2009, 12:46

Skalnaté Pleso-Lomnický štít, Tatranská Lomnica (SK) | 20. August 2009
  • "In den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen entstand das Verlangen, den Touristenverkehr in der Vysoké Tatry zu beleben und eine Schwebebahn auf irgendeine der Bergspitzen des Gebirges zu errichten. [...] Bereits die erste Studie zur Trasse der Schwebebahn zeigte, dass es nicht möglich sein wird, auf eine Entfernung von 6 km einen Höhenunterschied von annähernd 1720 m in einem einzigen Abschnitt zu überwinden. Die verschiednenartige Gliederung des Terrains selbst bot die Lösung an: Die Bahn musste in zwei betrieblich selbstständige Streckenabschnitte unterteilt werden. Der untere Abschnitt sollte von Tatranká Lomnica an einem Berghang bis zum Skalnaté Pleso emporsteigen, und der obere Abschnitt dann von dort in einem abgrundtiefen Kessel die schroffe Höhe überwinden und auf der Lomnický štít enden."
    Josef Hons, Bergbahnen der Welt
Auch der dritte Tag auf slowakischem Boden spart nicht am Sonnenschein: Diesmal geht es bereits deutlich früher los als am Vortag, denn auf dem Programm steht der wahrscheinlich bekannteste Ausflugsberg der gesamten Slowakei, die Lomnický štít. Von Ružomberok fährt man eine gute Autostunde bis Tatranská Lomnica, von wo aus in drei Sektionen Seilbahn die Lomnický štít erschlossen wird. Gegen 9.30 Uhr erreichen wir das riesige Parkplatzareal etwas ausserhalb des Ortes, das aber schon, wie es aussieht, komplett belegt ist. Mein Kollege diskutiert mit dem Ticketverkäufer für die Parkplätze. Viel verstehe ich zwar nicht, aber nachdem ich eins und eins zusammen gezählt habe, ist mir klar: die Lomnický štít ist bereits ausgebucht. Wie sich später herausstellt, müssen für die obere Sektion, die nur aus einer 15er Kabine besteht, Platzkarten reserviert werden, die eine Hin- und Rückfahrt sowie 50 Minuten Aufenthalt auf der Gipfelplattform beinhalten. Wegen des angekündigten guten Wetters sind die Karten aber bereits für die nächsten Tage ausgebucht.

Nichtsdestotrotz entscheiden wir uns dazu, zunächst mit den ersten beiden Sektionen nach Skalnaté Pleso zu fahren. Immerhin gibt es dort noch eine weitere Sesselbahn, die zwar 400 Meter tiefer endet als die Bahn auf die Lomnický štít, aber die Aussicht dürfte ähnlich schön sein wie von ganz oben. Nach dem Kauf der Karten stellen wir uns in die Warteschlange, die zwar lang aussieht, aber es geht relativ schnell vorwärts - die Kabinenbahn von Girak schaufelt ja schliesslich auch 900 Personen in der Stunde nach Skalnaté Pleso.

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Unterwegs auf der Autobahn nach Tatranská Lomnica, im Hintergrund der Kriváň.

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Ein erster Blick vom Talboden auf die Lomnický štít. Man erkennt schon hier deutlich die aussergewöhnliche Struktur dieses Gebirgszugs der hohen Tatra. Weit und breit kein Berg, nicht einmal ein Hügel zu sehen und dann trifft man auf ein 2600 Meter hohes Gebirge.

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Ein Übungslift in der Nähe des Parkplatzes an der Kabinenbahn nach Skalnaté Pleso. Im Hintergrund erkennt man eine weitere Bahn, auf diese komme ich aber später noch zu sprechen.

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Zoom nach Skalnaté Pleso mit der Girak-Kabinenbahn und rechts daneben der Bergstation der oben angesprochenen Pendelbahn.

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Und die Lomnický štít, nicht nur ein atemberaubender Berg, sondern auch eine mindestens ebenso spektakuläre Bahn, die dort hinaufführt. Wer genau hinsieht, erkennt auf diesem Bild die rote Kabine der Bahn.

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In der Talstation der 1995 gebauten Kabinenbahn von Girak. Die Bahn ersetzte eine Zweiseilumlaufbahn aus dem Jahre 1973. Während die Technik und Planungsarbeiten von Transporta Chrudim ausgeführt wurden, baute die Firma Železniční stavitelství aus Bratislava die Anlage auf. Diese hätte mich aus technischer Sicht wesentlich mehr interessiert, da mir das System der Bahn nicht bekannt ist (Wallmansberger dürfte es wohl nicht gewesen sein). Nach mehreren Kabinenabstürzen musste die Bahn schliesslich in den 90ern ersetzt werden.

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Dennoch ist auch diese Bahn für mich eine Premiere, ist es doch meine erste Fahrt mit der Girak-Nockenklemme.

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Die Fahrt mit der Bahn gestaltet sich mehr oder weniger zunächst unspektakulär, denn das Gelände ist flach und steigt nur sanft, gleichmässig zur Station Štart an. Hier beginnt seit dem Bau der angesprochenen Pendelbahn eine Schlittelbahn im Winter, daher der Name dieser Mittelstation.

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Auffallend ist während der Fahrt die grossflächige Planierung der Pisten und die Rodung des Waldes. Zudem wurde an der Talstation der Bahn dieses Frühjahr ein Speicherteich angelegt. Entsprechend wüst sieht es entlang der Kabinenbahn, speziell im zweiten Abschnitt, aus.

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In der zweiten Sektion der Kabinenbahn begleiten uns nun noch zwei andere Bahnen parallel. Links eine Sesselbahn von Doppelmayr, die 2008 gebaut wurde und einen Übungshang bedient. Beim rechten Exemplar handelt es sich um die angesprochene Pendelbahn aus dem Jahre 1937. Ein Prachtsexemplar von Pendelbahn, die leider seit 1999 nicht mehr in Betrieb ist. Einst wurde hier in den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg in zwei Sektionen die Lomnický štít erschlossen. Gebaut wurden beide Sektionen von der Chrudimer Maschinenfabrik František Wiesner.

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Unterwegs im immer steileren Gelände Richtung Skalnaté Pleso

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Die Aussicht vom Skalnaté Pleso in die Ebene

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Die nächsten 15 Fahrgäste machen sich auf den Weg zur Lomnický štít

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Ein Blick auf die atemberaubende stützenlose Trassierung der Pendelbahn. Die ursprüngliche Pendelbahn von Wiesner, deren zweiter Teilabschnitt 1939 für kurze Zeit eröffnet wurde, ist inzwischen ein Schweizer Produkt aus dem Hause Von Roll.

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Der Gletschersee ("Pleso"), der der Landschaft ihren Namen gibt.

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Die einspurige Pendelbahn mit dem seperat zurückgeführten Zugseil.

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Skalnaté Pleso und die Pendelbahn zur Lomnický štít

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Die Proportionen dieser Bahn sind schon etwas ausgefallen: Zwei Tragseile und ein riesiges Laufwerk für eine solch kleine Kabine.

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Aussicht vom Skalnaté Pleso Richtung Südosten. Bei klarem Wetter sieht man hier bis in die Ukraine.

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Die planierten Abfahrten im Bereich der Station Štart, die Zwischenstation der Girak-Kabinenbahn, die vom Vorgänger, der Transporta Chrudim-Zweiseilumlaufbahn, übernommen wurde, und links die Zwischenstation der Pendelbahn, die allerdings die beiden Streckenteile nicht betrieblich trennt, die Zugseile laufen hier durch.

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Nachdem uns die Fahrt Lomnický štít verwehrt bleiben sollte, entschliessen wir uns zu einer Fahrt auf den Lomnické sedlo. Die Sesselliftanlage wurde 1976 von Tatrapoma an Ort und Stelle errichtet und ersetzte eine Einersesselbahn von Transporta Chrudim auf neuer Trasse. Informationen zufolge soll die ehemalige Sesselbahn eine der wenigen von Transporta gewesen sein, die VR101-ähnliche Stützen aufwies.

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Pendelbahn Lomnický štít

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Sesselbahn Lomnické sedlo

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Nanu, diese Stütze für das Fangnetz stammt doch von einer Transporta Chrudim-Anlage! Eventuell ein Relikt des Vorgängers?

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Auf dem Dach der Welt angekommen ;)

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Die Aussicht vom Lomnické sedlo Richtung Südosten, unten Skalnaté pleso.

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Die Kabinenbahn zum Skalnaté pleso mit der alten Pendelbahn-Bergstation.

Nachdem wir wieder an der Talstation in Tatranská Lomnica angekommen sind, machen wir uns auf den Weg zum Grandhotel Praha. Nicht etwa, weil wir uns sonderlich für das Hotel interessieren würden, nein, viel mehr wegen der Pendelbahn, die dort ihre Talstation besitzt.

Ein wahrscheinlich weltweites Unikat erwartet uns hinter dem Grandhotel: Die letzte existente Pendelbahn der Maschinenfabrik František Wiesner. Auch wenn Wiesner im deutschsprachigen Raum wohl kaum bekannt sein wird, war er einer der Bergbahnpioniere vor und während dem zweiten Weltkrieg. Bereits 1928 konnte Wiesner seine erste Pendelbahn im Krkonoše, genauergesagt in Janské Lázně, erstellen. Die Bahn mit einem Tragseil und zwei Zugseilen pro Fahrbahn führte über 29 Stützen auf den 1290 Meter hohen Černá hora. Das gleiche System kam fünf Jahre später am Ještěd zum Einsatz, wobei bei beiden Bahnen Kabinen mit Platz für 30 Personen zum Einsatz kamen. Man könnte Wiesner folglich als direkten Konkurrenten zu Bleichert ansehen, wobei sich bekanntlich Bleichert schlussendlich weltweit durchsetzen konnte, was Wiesner verwehrt blieb. 1940 baute die Maschinenfabrik übrigens den sehr wahrscheinlich ersten Sessellift Europas in Pustevny. Glücklicherweise kann man heute wenigstens noch eine von Wiesners Pioniertaten begutachten, vielleicht sogar die spektakulärste Bahn, die er je gebaut hat: Die 1937 eröffnete Sektion 1 der Bahn von Tatranská Lomnica nach Skalnaté Pleso. Spektakulär ist sie vielleicht nicht wegen der Trassierung, sondern viel mehr wegen ihrer Länge: Die schräge Länge der Bahn beträgt sage und schreibe 4137 Meter und gehört damit bis heute zu den längsten Pendelbahnen Europas. Mir fällt an längeren Bahnen derzeit nur die Eibseeseilbahn auf die Zugspitze ein, die öffentlich ist und eine Länge von über 4,4 km besitzt.

Das Besondere an der Bahn ist zudem die Zwischenstation, an der die Tragseile abgespannt werden. Ursprünglich war es vorgesehen, bei viel Betrieb zwei weitere Kabinen einzusetzen, sodass in der Zwischenstation umgestiegen werden musste und jeweils zwei Kabinen pro Fahrseite hin- und her fuhren. Dieser Aufbau wurde aber spätestens nach dem Bau der Zweiseilumlaufbahn 1973 eingestellt.

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Die Talstation in Tatranká Lomnica

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Strecke mit dem Ziel im Hintergrund. Ursprünglich dauerte die Fahrt bis auf den Gipfel rund 40 Minuten

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Einblick in die Talstation mit der Materialbarelle links, die in den letzten Betriebsmonaten im Einsatz war...

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... die Kabine 2 wurde bereits einige Jahre zuvor in den Ruhestand geschickt.

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Die erste Stütze, die genau wie die Talstation nicht mehr original ist, da sie im zweiten Weltkrieg gesprengt wurden und nach Kriegsende wieder aufgebaut wurden.

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Das Laufwerk mit einem Tragseil, welches mittig zwischen den beiden Zugseilen platziert ist. Eine Anordnung, die mir so auch noch nicht begegnet ist.

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Das massive Talstationsgebäude - leider gut verschlossen ;)

Ursprünglich haben wir geplant, nach der Besichtigung in Tatranská Lomnica noch zum Skigebiet Štrbské Pleso zu fahren, doch da der Aufenthalt in Tatranská Lomnica wesentlich länger gedauert hat als geplant, verzichten wir auf einen Besuch und fahren wieder zurück nach Ružomberok.

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Re: Kurztrip in die Slowakei | 18.-21. August 2009

Beitrag von Felix » Mo, 14.09.2009, 12:04

Ružomberok-Malinô Brdo | 21. August 2009

Für den Abreisetag habe ich im Voraus nichts geplant, sodass mein Kollege meint, er würde mir gerne noch sein Heimskigebiet zeigen, welches sich nur einen knappen Kilometer Luftlinie von seiner Wohnung entfernt befindet. Es stellt sich schon an der Talstation der Zubringerbahn heraus, dass das Skigebiet seilbahntechnisch nicht allzuviel Ausgefallenes zu bieten haben würde. Dennoch schweben wir schon wenige Minuten später mit der modernen Kabinenbahn nach Malino Brdo. Die Bahn ersetzte wie am Skalnaté Pleso eine Zweiseilumlaufbahn von Transporta Chrudim.

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Die Kabinenbahn Hrabovo-Malinô, eine Doppelmayr-Kabinenbahn mit 8er Kabinen von Swoboda

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Unterwegs im steilsten Abschnitt der Strecke

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Ein Blick auf das eigentliche Skigebiet. Im Grunde genommen ist es nur ein einziger Hang, der aber durchaus steile und anspruchsvolle Pisten bedient.

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Und das Ganze im Sommer. Vorne bedienen einige Übungsskilifte von Tatrapoma den flachen Gegenhang, dahinter sind es zwei kuppelbare Tatrapoma-Skilifte und eine Doppelmayr-Sesselbahn, die den Haupthang des Gebietes erschliessen.

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Zoom zum höchsten Punkt des Gebietes mit einem der Tatrapoma-Skilifte und der fixen Sesselbahn.

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Talstation des Tatrapoma-Skilifts

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Die Talabfahrt, wie das ganze restliche Gebiet künstlich beschneit. Die gesamte Höhendifferenz ist übringes in einem Zug fahrbar und beträgt satte 650 Höhenmeter. Für ein Skigebiet dieser Grösse und vor allem dieser Höhenlage, mit der Talstation auf 540 Meter Höhe, etwas aussergewöhnlich.

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Talstation der Kabinenbahn

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Ein Bild aus vergangenen Zeiten, als neben der Zweiseilumlaufbahn von Transporta Chrudim auch noch ein Bügelskilift der gleichen Firma die Skihänge oberhalb von Hrabovo erschloss. Er wurde später durch einen Tatrapoma-Skilift verdoppelt, heute existiert aber nur noch das Stangenschlepper-Exemplar.

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Der zweite Tatrapoma-Skilift, der auch heute noch existiert und durch die Sesselbahn seit 2001 gedoppelt wird.

Nach einer kurzen Wanderung über die Talabfahrt zurück zur Gondelbahn und einem kleinen Imbiss machen wir uns am frühen Nachmittag auf die lange Heimreise, diesmal per Auto.

Alle Bilder gibt's in der Fotogalerie.
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