PB Grütschalp - Marchegg

Technik-Reportagen aus dem Berner Oberland und dem Berner Mittelland.
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migi
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PB Grütschalp - Marchegg

Beitrag von migi »

PB Grütschalp - Marchegg

Seit deutlich über 100 Jahren ist das autofreie, hoch über dem Lauterbrunnental gelegene Bergdorf Mürren per Seil- und Schmalspurbahn von Lauterbrunnen aus erreichbar. Ab Ende der 1960er-Jahre kamen mit der Schilthornbahn und etwas später mit der auf direkter, steiler Trasse verkehrenden Transportseilbahn ab Stechelberg zwei weitere Verbindungen dazu.

Die Reisenden, die für Ihre Anreise den Weg per Standseilbahn bzw. ab 2006 mit der diese ersetzenden Windenpendelbahn via Grütschalp wählten, werden höchst selten ebendort die zweite Seilbahnanlage entdeckt haben, deren Talstation sich versteckt hinter dem Stationsgebäude befand. Dabei erfüllte die dortige Bahn doch einen sehr wichtigen Zweck: Sie erschloss die Lawinenverbauung an der oberhalb der Grütschalp gelegenen Marchegg. Der steile, wenig bewaldete Hang stellt eine Lawinengefährdung für Teile des Dorfes Lauterbrunnen dar und wurde daher mit einer bereits von weitem bestens sichtbaren Lawinenverbauung versehen um die Bewohner vor den gefährlichen Schneemassen zu schützen. Mit Stand Sommer 2017 wurden über 12 Millionen Franken in die nach mehreren Jahrzehnten Bautätigkeit bereits seit Anfang der Nullerjahre grösstenteils fertiggestellte Lawinenverbauung investiert. Selbstredend profitiert in einem gewissen Masse auch die Mürrenbahn davon, wenngleich das Stationsgebäude an der Grütschalp vor Ort mit grösseren Mengen Beton zusätzlich geschützt wird. Entsprechend beteiligt sich die Bahn auch an den laufenden Unterhaltskosten der Verbauung.

Um den Transport des für die Schutzbauten, sogenannte Schneebrücken und Kolktafeln, an der Marchegg benötigten Baumaterials zu ermöglichen, baute man eine kleine zweispurige Pendelbahn. Informationen zu dieser Anlage, insbesondere technische Daten, scheinen in örtlichen Archiven kaum vorhanden zu sein. Es ist davon auszugehen, dass die Bahn 1976 oder 1977 von Niederberger erbaut worden ist Die stützenfreie Strecke war ungefähr einen Kilometer lang, überwand einen Höhenunterschied von rund 650 Metern und endete direkt auf dem Berggrat. An der Talstation befand sich ein schlichtes Gebäude aus Sichtbeton, in welchem Antrieb und Kommandoraum untergebracht waren. Die Perronbereiche beider Stationen waren offen gestaltet, ebenso die Umlenkung in der Bergstation. Direkt hinter der Bergstation befand sich, geschützt durch einen Holzverbau, die Verankerung der Tragseile.

Anstelle der Barelle für den Lastentransport konnte für die Personenbeförderung eine kleine gelbe Kabine am Gehänge angebracht werden. Öffentlichen Betrieb gab es allerdings nicht. Die Bahn war vorwiegend dem Bau- und Kontrollpersonal vorbehalten. Als im Jahr 2008 die Betriebsbewilligung auslief, entschied man sich für einen teilweisen Rückbau der mehrheitlich nur noch für die regelmässige Kontrolle benötigten Bahn. Die Kosten für eine Modernisierung hätten sich auf mehr als 100 000 Franken belaufen. Neben der Bahntechnik entfernte man an der Bergstation auch die teilweise hölzernen Aufbauten. Die Betonfundamente verblieben hingegen an Ort und Stelle, da man zum Schluss gekommen war, dass sie Natur und Fauna kaum stören, der Abbruch hingegen mit viel Dreck, Lärm und vielen Helikopterflügen verbunden gewesen wäre. Eine Schutzhütte direkt neben der Bergstation blieb ebenfalls verschont. Auch die Talstation verschwand nur zu Teilen. Abgebrochen wurde hier nur die Bahntechnik, sowie der Aufbau inklusive dem Maschinenraum. Der untere Teil des Gebäudes mit den Lagerräumen blieb indes erhalten.

Personal und Material für gelegentliche Reparaturen und zusätzliche Schutzbauten werden seither mit dem Helikopter eingeflogen. Zwar werden auch heute noch zusätzliche Verbauungen erstellt, dies jedoch vorwiegend im unteren Bereich des Hanges, dessen Erschliessung nicht mittels der Seilbahn erfolgen konnte.

Die Marchegg selbst ist hingegen immer noch ein lohnenswertes Ziel für einigermassen geübte Wanderer, wird man doch oben auf dem Grat für den anstrengenden Aufstieg neben mit viel Ruhe vor allem auch mit einer grandiosen Aussicht auf die Berner Alpen, sowie das bekannte Dreigestirn aus Eiger, Mönch und Jungfrau belohnt.

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Blick vom Depot der Schmalspurbahn auf die Talstation mit montierter Lastbarelle. Die Kabine wartet vor dem Stationsgebäude auf ihren nächsten Einsatz für den Personentransport. Die Bedienung der Bahn war nur manuell von der Talstation aus möglich.

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Detailansicht von Laufwerk und Lastbarelle.

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Die rund einen Kilometer lange Strecke war stützenlos.

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Die imposante Lawinenverbauung sticht jedem Besucher der Gegend, genauso wie ihr Pendant am gegenüberliegenden Hang des Männlichen, sofort ins Auge.

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Seitlicher Blick auf die Trasse.

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Lawinenverbauung mit Bergstation der Seilbahn in der Bildmitte. Quelle: Kanton Bern, Fachstelle Naturgefahren

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Bergstation der Seilbahn an der Marchegg. Quelle: Jungfrau Zeitung

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Situation auf Grütschalp im Jahr 2018. Rechts neben den Stationsbauten ist, etwas versteckt hinter den Bäumen, der erhaltene Teil der Talstation zu erkennen.


Leider kam ich als damaliger Mitarbeiter der Mürrenbahn nie in den Genuss einer Mitfahrt. Auf die Teilnahme an einer Besichtigung für die Angestellten im Zusammenhang mit der Fertigstellung der Verbauung - die Standseilbahn und somit auch deren Personal war mitunter für den Materialtransport bis zur Grütschalp zuständig - habe ich zu Gunsten eines Kollegen verzichtet und stattdessen an "meinem" Schalter Tickets an unsere Fahrgäste verkauft. Ich ärgere mich bis heute...

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