6-PB Handeck - Gerstenegg

Technik-Reportagen aus dem Berner Oberland und dem Berner Mittelland.
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migi
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6-PB Handeck - Gerstenegg

Beitrag von migi » Mi, 20.11.2013, 18:19

6-PB Handeck - Gerstenegg

Um das in den 50er-Jahren gebaute unterirdische Kraftwerk Grimsel 1 - mit je einer Maschinengruppe wird dort Wasser aus dem Grimsel- und dem Oberaarsee zur Stromerzeugung genutzt - ganzjährig erreichen zu können, errichtete man eine abenteuerliche, wettersichere Transportkette. Bis zu den Kraftwerken an der Handeck bestand ab dem Dorf Guttannen bereits seit 1932 eine knapp fünf Kilometer lange unterirdische Stollenbahn. Für den in relativ flachem Gelände gelegenen oberen Abschnitt vom Kraftwerk talauswärts bis zur Gerstenegg setze man ebenfalls auf eine Stollenbahn. Die zwischen Handeck und der Gerstenegg liegenden 400 Höhenmetern waren jedoch auf dem Schienenweg nicht zu überwinden. Daher baute man hier 1953 eine Seilbahn mit einer Transportkapazität von einer Tonne Material oder sechs Fahrgästen. Zuständig für den Bau war die Firma Habegger aus Thun.

Die Talstation errichtete man im Untergeschoss des bestehenden Kraftwerkskomplexes unmittelbar angrenzend an die Gleise der Stollenbahn um Lasten bequem umladen zu können. In einer Art Tunnel innerhalb des Gebäudes erreichten die Seile dann das Tageslicht. Ein richtiger, bergmännisch ausgebrochener Tunnel war jedoch aufgrund des gewählten Talstationsstandorts wenig oberhalb ebenfalls nötig. Wo man heutzutage die in der Fahrspur liegende Felsnase bequem wegsprengen würde, hat man sich damals die Mühe gemacht die Seilbahn mit dem Tunnel bestmöglich in die Landschaft zu integrieren und diese möglichst wenig zu verändern. Da nun aber die Station aufgrund der Gleisführung der Stollenbahn abgewinkelt zur eigentlichen Bahnachse zu liegen kam, war im Tunnel gleichzeitig auch noch eine Ablenkung der Seilachse nötig. Es entstand ein bis heute einzigartiges, in der Seilbahnwelt nirgendwo anders auf dieser Welt vorhandenes Kuriosum. Um im weiteren Streckenverlauf nicht eine bodennahe Linienführung mit einer vergleichsweise grossen Anzahl an Stützen wählen zu müssen, war neben der im Tunnel gelegenen Kurve noch eine weitere Sonderkonstruktion nötig: Eine Hängestütze in luftiger Höhe, aufgehängt an quer durchs Tal zwischen den beiden Bergflanken abgespannten Seilen.

Die Bergstation wurde unterhalb der 1950 gebauten Räterichsbodenstaumauer dicht an den Fels gebaut. Sie war gleichzeitig auch Ausgangspunkt der Stollenbahn Richtung Kraftwerk. Entsprechend war auch hier ein direkter Umlad von Lasten von einem Transportmittel auf das andere möglich. Allgemein hielten sich die Lastentransporte jedoch in Grenzen. Grössere Transporte führte man schon nur wegen der geringen Maximallast der Seilbahn im Sommer über die Passstrasse durch. Ein kurzer Zugangsstollen ermöglicht Fahrten mit LKWs direkt bis ins Kraftwerk. Die Seilbahn diente unterdessen hauptsächlich dem Transport von Kraftwerkspersonal. Im Winter war sie über lange Jahre die einzige Zugangsmöglichkeit zu den Kraftwerksanlagen und Staumauern oberhalb der Handeck. Für den jeweils ganzjährig im Personalhaus auf dem Grimselnollen stationierten Pikettmitarbeiter war sie zudem Lebensader, war doch der Transport von Lebensmitteln und Gütern für den täglichen Bedarf im Winter ebenfalls ausschliesslich mit der Seilbahn möglich.

Mit der Inbetriebnahme der grösseren, im Zusammenhang mit den Bauarbeiten für das Kraftwerk Grimsel 2 errichteten 10-Tonnen-Seilbahn im Jahr 1974 verlor die interessante Bahn jedoch rasch an Bedeutung. Ihre Fahrzeit von 20 Minuten war fast doppelt so lang wie die der neuen Anlage. So stand sie nur noch selten in Betrieb. Als die Kraftwerke Oberhasli nach der Jahrtausendwende damit begannen die Landschaft im Einzugsgebiet der Kraftwerksbauten von unnötigen Bauten und Überresten aus der Bauzeit zu befreien, war das Ende der für jeden Seilbahnbegeisterten wohl interessantesten Anlage in der Schweiz nach über 50 Jahren Betrieb besiegelt. Im Frühjahr 2004 wurde die Bahn vollständig abgebrochen. Noch vor Öffnung der Passstrasse nach der Schneeschmelze war sie nahezu vollständig verschwunden. Übriggeblieben sind neben dem nun seilbahntechnikfreien Tunnel nur wenige Zeitzeugen. Die Bergstation klebt seither ungenutzt weiter am Fels. Die ursprünglich hier beginnende Stollenbahn ist bereits seit der ebenfalls 1974 erfolgten Fertigstellung des neuen, mit Strassenfahrzeugen befahrbaren Zugangsstollens zum Kraftwerk Grimsel 2 und dem Abzweig zum Kraftwerk Grimsel 1 stillgelegt. Der Stollen mit den Gleisen ist noch vorhanden, jedoch teilweise eingestürzt. Die Fahrzeuge hatte man bereits kurz nach der Einstellung verkauft.

Auch die Talstation der Seilbahn in der Handeck ist noch vorhanden, da sie baulich in den Kraftwerkkomplex integriert ist. Sie dient heute mitunter als Lagerplatz. Die Züge der Stollenbahn fahren weiterhin mitten durch den ehemaligen Einstiegs- und Umschlagbereich. Die südlich an die Station angrenzende Seilbahnwerkstatt ist heute ein originalgetreu hergerichteter Ausstellungsraum mit allerhand Arbeitsgeräten aus früherer Zeit. Er wird interessierten Personen im Zuge der beliebten Besucherführungen gezeigt. Die Kabinen wurden nach der Betriebseinstellung zur im benachbarten Gadmental gelegenen und ebenfalls zu den Kraftwerken Oberhasli gehörenden Triftbahn gebracht. Mit deren Modernisierung im Zuge der Öffnung der Bahn für den öffentlichen Verkehr wurden die Kabinen jedoch bereits wenige Jahre später durch Neubauten ersetzt.


Link zum Datenblatt

- 6-PB Handeck - Gerstenegg


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Die Kabine 2 in der Talstation an der Handeck.

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Blick auf die Strecke. Zu erkennen ist auch der Tunnel inklusive der Kurve.

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Eine Kabine erreicht die unterhalb der Räterichsbodenstaumauer gelegene Bergstation. Foto: KWO (Ausstellung am Grimselnollen)

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Die letzte Stütze vor der Bergstation. Nach rechts fällt die Strecke zur Station hin nochmal leicht ab. Foto: KWO

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Ein Maschinist bei der Arbeit im Kommandoraum mit seiner futuristisch wirkenden Fensterfront. Foto: KWO

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Hoch über dem Tal war die Hängestütze an quer durch das Tal gespannten Seilen aufgehängt. Foto: KWO

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Die massiven Holztore in der Talstation sind für immer geschlossen.

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Die charakteristische Fensterfront des Kommandoraums ist noch da, das Steuerpult ist jedoch verschwunden.

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Einige Überreste der Seilumlenkung finden sich noch an der Decke der Talstation.

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Um auch von der Oberfläche her Lasten zur Seilbahn zu bringen, gab es an der südlichen Gebäudewand einen Einlass von wo aus die zu transportierenden Güter per Kran in die Station hinein abgesenkt werden konnten.

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Die Bahnachse führt innerhalb der Station über die Gleise der Stollenbahn Guttannen - Handeck hinweg. Links hinter dem Tor befindet sich der Stolleineingang, rechts gehts in den lediglich mit einem einzigen Gleis ausgestatteten Endbahnhof.

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Hinter der gemauerten Wand befand sich der Maschinenraum. Die Station wird heute mitunter als Lagerfläche genutzt.

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Ein letztes Erinnerungsstück an die Seilbahn hängt immer noch an der Stationswand.

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Blick in den Stollen der Stollenbahn. Fünf Kilometer und 20 Minuten Fahrzeit später endet er im Ortskern von Guttanen.

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Drei Akkutriebwagen mit Baujahr 1993 stehen hier im Einsatz. Pro Fahrzeug können 20 Personen transportiert werden. Der Komfort auf den längs angebrachten Sitzbänken entspricht nicht unbedingt einem 1. Klasse-Erlebnis... Öffentliche Fahrten sind leider aus Sicherheitsgründen nicht (mehr) erlaubt.

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Der Führerstand ist minimalistisch gehalten. Einerseits weil es für die kleine Bahn nicht mehr braucht - andererseits auch weil jeder KWO-Mitarbeiter die Werksbahnen selbstständig benutzen können soll.

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Einsam fristet die Bergstation der Seilbahn an der Gerstenegg ihr Dasein. Im Gebäude beginnt auch die Strecke der stillgelegten Stollenbahn zum Kraftwerk Grimsel 1.

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Re: 6-PB Handeck - Gerstenegg

Beitrag von salvi11 » Do, 21.11.2013, 18:35

Super danke! Das Bild mit der roten Kabine, ist das von dir? Aber gefahren bist du sie damals nicht?

Die Kurve sieht besonders Interessant aus. Das Laufwerk musste ja ähnlich aufgebaut worden sein wie die heutigen bei 3S Umlaufbahnen. Wie sonst könnte man eine Kurve bewältigen? Bei der Pendelbahn Zmutt in Zermatt müsste es ja auch so sein.

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Re: 6-PB Handeck - Gerstenegg

Beitrag von migi » Do, 21.11.2013, 20:05

Ja, das erste Foto stammt von mir. Es ist 2003 nach einer Fahrt mit der Stollenbahn (dies war damals noch möglich) entstanden. Gefahren bin ich mir der Bahn leider nie. Ich habe zwar noch vor dem Abbruch davon erfahren, meine Anfrage ist jedoch bei den KWO untergegangen und eine Nachfrage habe ich erst gemacht als die Bahn bereits teilweise abgebrochen war.

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Re: 6-PB Handeck - Gerstenegg

Beitrag von Handeggli » Mi, 16.04.2014, 20:00

Ein schönes Portrait einer Bahn, die ich obwohl zu Lebzeiten durchaus im Gebiet unterwegs, erst nach ihrem Abbruch wirklich wahrgenommen habe.
Ein paar ergänzende, aktualisierende oder korrigierende Anmerkungen erlaube ich mir aber doch.
migi hat geschrieben:Die Kabinen wurden nach der Betriebseinstellung zur im benachbarten Gadmental gelegenen und ebenfalls zu den Kraftwerken Oberhasli gehörenden Triftbahn gebracht. Mit deren Modernisierung im Zuge der Öffnung der Bahn für den öffentlichen Verkehr wurden die Kabinen jedoch bereits wenige Jahre später durch Neubauten ersetzt.
Die Kabinen sind soweit ich weiss noch beide vorhanden und dienen dem Skilift in Gadmen als Lifthütten.
migi hat geschrieben:Bild
Die charakteristische Fensterfront des Kommandoraums ist noch da, das Steuerpult ist jedoch verschwunden.
In der Zwischenzeit ist auch die Fensterfront des Kommandoraums verschwunden. Auf der Höhe des Bodens wurde eine Zwischendecke eingezogen um zusätzlichen Lagerraum zu schaffen.
migi hat geschrieben:Bild
Um auch von der Oberfläche her Lasten zur Seilbahn zu bringen, gab es an der südlichen Gebäudewand einen Einlass von wo aus die zu transportierenden Güter per Kran in die Station hinein abgesenkt werden konnten.
Die Öffnung und die Kranbahn wurden erst einige Jahre nach Abbruch der Bahn eingebaut, als das Gebäude zum Lager umgenutzt wurde. Als das Kraftwerk Handeck 2 aufgewertet wurde und gleichzeitig durch den Baubeginn des Erschliessungsstollens die Lagerräume auf dem dortigen Vorplatz aufgehoben wurde kam es zu dieser Umnutzung.
Zu Lebzeiten der Bahn wurden die Lasten (Sofern die Strasse in die Handeck überhaupt offen war, das ist sie im Winter erst seit Mitte der 70er.) wohl durch den Maschinensaal der Zentrale Handeck 1 und mit dem dortigen Kran in den Stollenbahbahnhof abgesenkt und so zur Seilbahn gebracht.
migi hat geschrieben:Bild
Der Führerstand ist minimalistisch gehalten. Einerseits weil es für die kleine Bahn nicht mehr braucht - andererseits auch weil jeder KWO-Mitarbeiter die Werksbahnen selbstständig benutzen können soll.
Es sind bei weitem nicht alle KWO-Mitarbeiter in der Lage die Stollenbahn selbstständig zu benutzen. Es ist nur rund ein Dutzend Mitarbeiter entsprechend entsprechend geschult und befugt die Bahn zu fahren.

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