60-PB Erlenbach - Chrindi

Technik-Reportagen aus dem Berner Oberland und dem Berner Mittelland.
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Kabinenzug
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60-PB Erlenbach - Chrindi

Beitrag von Kabinenzug » So, 11.02.2018, 11:50

60-PB Erlenbach - Crindi
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Das Berner Oberland ist bekanntlich heimat von einigen sehr bekannten Bergen, die jedes Jahr von vielen Touristen besucht werden. Daneben gibt es auch die international eher weniger bekannten, aber dennoch lohnenswerten Gebiete, die eine tolle Aussicht bieten.

In den 60er'n gab es Bestrebungen, das im Berner Oberland liegende Stockhorn mit zwei Pendelbahnen zu erschliessen. Dazu musste zuerst der Rohbau entstehen, welcher 1966 fertiggestellt werden konnte. Im Jahr 1968 konnte die Sektion von Erlenbach bis Chrindi, damals erbaut durch Von Roll, eröffnet werden. Die Kabinen mit einem Fassungsvermögen von 60 Personen lieferte die SIG. Später im Jahr 1969 konnte auch die zweite Sektion fertiggestellt werden, so dass das Stockhorn seit über 45 Jahren von Simmental aus erschlossen ist. Zudem gab es im Gebiet des Stockhorns zwei Skilifte, welche den Betrieb 2004 einstellen mussten.

Doch auch die Zeit durfte bei beiden Bahnen nicht stillstehen. Die Kabinen der zweiten Sektion wurden 1973 durch neue aus dem Hause CWA getauscht, und auch die Steuerungen der beiden Sektionen wurden 1988 bzw. 1989 ersetzt. Ein spezieller Umbau fand im Jahr 2003 statt, als der alte Antrieb der zweiten Sektion dem ehemaligen Antrieb der Pendelbahn Piz Nair platz machte. Einige Jahre später wurde bei der zweiten Sektion erneut die Steuerung revidiert und der Gleichstrommotor samt Ward-Leonard-Gruppe durch einen Drehstrommotor mit Frequenzumrichter ersetzt. Durch den Einbau eines neuen hydraulischen Notantriebes für die erste Sektion konnte die Vorbereitungszeit im Notfall erheblich verkürzt werden.

Abgesehen von der Revision der Steuerung, des Notantriebes und der zweifachen Neulackierung der beiden Kabinen war die erste Sektion bis zu ihrem letzten Betriebstag am 7. Januar 2018 integral erhalten geblieben. Sie war einer der wenigen grossen Von Roll-Pendelbahnen, die aus den 60er'n stammen, fast unverändert geblieben sind und auch noch heute ihre Dienste verrichten. Nun wird sie einer Sanierung durch Garaventa (Doppelmayr) unterzogen, und soll am 20. April 2018 wiedereröffnet werden. Man darf aber dabei nicht vergessen, das eine weitere weitgehend original erhaltene Seilbahn, welche in der Zeit des Bauboomes von Seilbahnen entstanden ist, von der schweizer Seilbahnlandschaft verschwunden ist.

So kam es, dass ich mich am 31. Dezember 2017 auf ins Berner Oberland machte, um dieser Bahn das erste und letzte mal einen Besuch abzustatten. Obwohl ich zuerst geplant hatte, bis ganz auf das Stockhorn zu fahren, machte der Wind einen Strich durch meine Rechnung. Dennoch wurde es ein ganz interessanter und spannender Tag.

Vorwegs noch einige Punkte, die noch zu berücksichtigen sind: Der ISO-Wert war bei meiner Sony RX100 M2 dummerweise auf manuell gesetzt, so dass die Lichtsensoren unerwartet empfindlich waren und die Bilder und Videos ein wenig überhellt wirken. Zudem kann ich bei meiner Kamera keine Fotos machen, während diese Filmaufnahmen macht :roll: . Um die Reportage dennoch vollständig wirken zu lassen, wurden einzelne Bilder aus den Filmaufnahmen generiert.

Nach dem Frühstück ging ab 06:47 die Reise los. Von Luzern über Olten, Bern und Spiez vergingen etwa zwei Stunden, bevor die ersten Fotos zustandekamen:
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Im Bild sieht man die Stütze 1 sehr deutlich vom Dorf aus.

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Ein Blick auf den unteren Teil der Strecke kurz vor der Abfahrt.

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Die Stütze 4 mit dem Zwischenaussteig.

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Nach der Fahrt durch das Tal kam auch schon die Stütze 6. Weiter hinten sieht man auch die Stütze 7, welche mit 34 Metern die grösste der unteren Sektion ist.

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Durch die beschlagene Scheibe der Kabine sieht man die Mittelstation.

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Das Innere der blauen Kabine.

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Danach ging es zum Dachgeschoss. Auf dem Bild zu erkennen sind die Tragseilverankerungen sowie die Tragseilreserven.

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Einer der beiden Umlenkscheiben der ersten Sektion, welche das Tragseil auf die Strecke und in den Maschinenraum lenkten. Hier war auch das Kopierwerk angebracht, welches leider nicht in meine Bildersammlung schaffte.

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Nicht zu übersehen: Das Kommandopult. Die Steuerung aus dem Hause SISAG hatte seit vielen Jahren ihre Dienste verrichtet.

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Ein Blick in die Elektronik der Steuerung.

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Die linke Vorderseite des Steuerschrankes, wo man auch die Positionen der Kabinen ablesen konnte.

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Das Laufwerk aus nächster Nähe.

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Der Antriebsmotor, die Betriebsbremse und das allseits bekannte grüne Von Roll-Getriebe aus der Zeit der späten 60'ern, welche die Kabinen der ersten Sektion in Bewegung setzten.

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Die Ward-Leonard-Gruppe der ersten Sektion.

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Eine Aufnahme der Betriebsbremse.

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Der Antrieb aus einer anderen Perspektive.

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Eine Aufnahme des Notantriebes, welcher den alten Dieselmotor mit dem Kettenantrieb ersetzte.

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Die Kupplung zwischen Getriebe und Antriebsscheibe.

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Antriebs- und Umlenkscheibe in einem Bild.

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Nochmals der Antrieb aus einer anderen Perspektive. Erkennbar ist die zweite Betriebsbremse auf der anderen Seite des Getriebes als auch die Sicherheitsbremse, welche direkt auf die Antriebsscheibe wirkte. Im Hintergrund ist der Antrieb der zweiten Sektion zu erkennen.

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Blick nach oben, wo sich das Laufwerk einer Kabine gemütlich macht.

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Die ersten neuen Materialien und Komponenten waren schon bei der Mittelstation platziert und warteten auf ihren Einsatz.

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Die Mittelstation von der Seite.

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Nochmals ein Foto vom Anfang des Weges um den Hinterstockensee. Man fand fast keinen Halt auf dem Boden.

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Die blaue Kabine bei der Einfahrt in die Mittelstation.

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Auf der Talfahrt begegneten sich wieder beide Kabinen in der Streckenmitte.

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Die Stütze 2 festgehalten auf einem richtigen Foto. Leider habe ich zu spät gemerkt, dass meine Kamera im falschen Moment Videoaufnahmen machte. So schaffte es die Einfahrt in die Talstation nicht in meine Aufnahmen.

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Die blaue Kabine ganz im Bild.

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Bei der Talstation sah man noch die Seilscheiben sowie die Tragseilschuhe und alle weitern Komponenten, welche ihren Dienst am 20. April antreten sollen.

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Die beiden unteren Stützen im feierabendlichen Licht der Sonne.

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Ein Blick in die Talstation.

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Die blaue Kabine auf dem Weg zur Mittelstation.

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Die Talstation von der Strasse aus gesehen.




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Weiterführende Links und Quellen
Das Album der Technikreportage
Technische Daten
Geschichte der Stockhonbahn AG
Der Sommerbericht von salvi11 über Erlenbach - Stockhorn
Zuletzt geändert von Kabinenzug am Do, 24.05.2018, 21:08, insgesamt 2-mal geändert.

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Re: 60-PB Erlenbach - Chrindi

Beitrag von martin » Mi, 14.02.2018, 18:07

Ist eigentlich bei der zweiten Sektion auch eine Modernisierung angedacht? Oder bleibt die auch mittelfristig unberührt?

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Re: 60-PB Erlenbach - Chrindi

Beitrag von Kabinenzug » Do, 15.02.2018, 12:33

So weit ich weiss gibt es noch keine Pläne für eine Modernisierung der 2. Sektion. Einzig eine Erneuerung der Tragseile ist im Jahr 2020 geplant.

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Re: 60-PB Erlenbach - Chrindi

Beitrag von Leocat » Di, 20.02.2018, 09:05

Toller Bericht. Merci!
Kennt jemand den Grund, weshalb man bei der 2.Sektion zahlreiche Erneuerungen gemacht hat, während bei der 1.Sektion noch immer fast alles original war?
Mfg Leocat :D :lol:

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Re: 60-PB Erlenbach - Chrindi

Beitrag von Felix » Di, 27.02.2018, 14:21

Herzlichen Dank auch von mir für die interessanten Einblicke! Ich bin letzte Woche an der Talstation vorbeigekommen. Die Kabinen stehen auf dem Parkplatz, die Seile wurden gerade auf- oder abgezogen (so genau konnte ich es im Vorbeifahren nicht erkennen). Neue Teile konnte ich keine mehr entdecken, die scheinen inzwischen schon alle verbaut zu sein. Allzu lange geht es ja auch nicht mehr bis zur Wiedereröffnung.
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Re: 60-PB Erlenbach - Chrindi

Beitrag von salvi11 » Di, 27.02.2018, 20:26

Vielen Dank für die schöne Reportage.
Felix hat geschrieben:
Di, 27.02.2018, 14:21
Die Kabinen stehen auf dem Parkplatz, die Seile wurden gerade auf- oder abgezogen (so genau konnte ich es im Vorbeifahren nicht erkennen).
Die Tragseile wurden lediglich gekürzt und nicht ersetzt. Das Zugseil bleibt auch noch das selbe. Insgesamt ist es mehr ein Umbau wie ein Neubau. Die Stützen bleiben nämlich auch noch praktisch unberührt erhalten. Neu gemacht werden die vier Spannseile in der Talstation, neue Stationseilsättel, neue Kabinen mit Laufwerk, neuer Antrieb, neues Getriebe und eine neue Steuerung.

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