8-PB Grimselnollen - Hausenegg

Technik-Reportagen aus dem Berner Oberland und dem Berner Mittelland.
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migi
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8-PB Grimselnollen - Hausenegg

Beitrag von migi » Fr, 26.12.2014, 04:58

8-PB Grimselnollen - Hausenegg
4-PB Grimselnollen - Hausenegg (ersetzt)

In den Jahren 1952 bis 1954 bauten die Kraftwerke Oberhasli (KWO) das unterirdische Kraftwerk Grimsel 1, welches über zwei Maschinengruppen verfügt. Während die eine das Wasser aus dem nur wenige Meter über dem Kraftwerk gelegenen Grimselsee bezieht, wird die zweite Turbine aus dem höher liegenden Oberaarsee gespeist. Nicht weit von der Grimselpasshöhe entfernt befindet sich das dazugehörige Wasserschloss Hausenegg von wo aus das Wasser durch den steilen Druckschacht hinunter zum Kraftwerk geführt wird. Fallen Inspektions- oder Wartungsarbeiten am Wasserschloss an, so stellt dies im Sommer kein grosses Problem dar, führt doch die Panoramastrasse Oberaar - so der Marketingname der auch für den Publikumsverkehr geöffneten Werkstrasse zum Oberaarsee - direkt am Zugang zum Wasserschloss vorbei. Um jedoch auch im Winter bei schneebedingt gesperrter Strasse alle Anlagenbereiche erreichen zu können, liess man 1957 durch die Firma Habegger aus Thun eine kleine einspurige Pendelbahn errichten. Der grösste Teil der Strecke verlief hoch über dem Grimselsee, bevor nach der Fahrt über die drei filigrane, sich direkt vor der Bergstation befindenden Stützen die Bergstation erreicht war. Um bei den im Berner Oberland oft auftretenden heftigen Föhnstürmen nicht Gefahr zu laufen Opfer eines Überschlags des auf der Gegenspur zur Talstation zurückführenden Zugseils über das Tragseil der Fahrspur zu werden, positionierte man unterhalb der Bergstation eine eigene Stütze für das Gegenseil um auf diese Art einen möglichst grossen Abstand der beiden Seilspuren sicherzustellen.

Die nur selten genutzte Bahn konnte nur manuell von der Talstation wo sich auch der Antrieb befand, bedient werden, was voraussetzte dass für jede Fahrt zusätzliches Personal extra für die Bedienung vor Ort sein musste. Mitunter aus diesem Grund, jedoch auch weil die Bahn in die Jahre gekommen war, gab es bereits 1998 Planungen für einen Ersatz der alten Anlage. Vorrangige Projekte sorgten jedoch dafür, dass man erst über 10 Jahre später im Herbst 2011 mit der Erneuerung begann. In nur wenigen Monaten Bauzeit ersetzte die auf Kleinanlagen spezialisierte Inauen-Schätti AG die gesamte Bahn durch einen kompletten Neubau. Wie beim Vorgänger setze man auf fest abgespannte Seile. Auch die einspurige Ausführung behielt man bei, wählte aber neu eine Kabine die Platz für acht Personen bietet und damit doppelt so viele Fahrgäste pro Fahrt transportieren kann als die alte Bahn. Um im Notfall trotz einem Defekt die Kabine zurück in eine der Stationen fahren zu können - ein Abseilen ist aufgrund der Streckenführung über den See nicht möglich - setzte man auf eine sogenannte integrierte Bergung. Dabei sind sowohl der Notantrieb, die Bremsaggregate, als auch die Lager der Seilscheiben redundant ausgeführt und ermöglichen so maximale Sicherheit. Die vorhandenen Gebäude der alten Seilbahn wurden beim Neubau übernommen, jedoch auf die neue Bahn angepasst. Während sich dies in der Talstation neben einem leicht erhöhten Dach hauptsächlich in dem bergseitig angebauten Raum für den Kommandostand und einem neuen Zugang für den öffentlichen Publikumsverkehr zeigt, wurde der Bergstation ein zusätzliches Stockwerk aufgesetzt. Damit konnte man durch die höhere Spurführung nicht nur dem zuvor im Winter regelmässigen Problem der aufgrund von Schneeverwehungen nicht möglichen Einfahrt in die Bergstation Einhalt gebieten, sondern benötigte nunmehr auch nur noch eine einzige, 16 Meter hoher Stütze.

Bedient wird die touristisch als Sidelhornbahn bezeichnete Anlage durch die Benützer direkt aus der Kabine heraus. Zusätzliches Bedienpersonal ist nicht mehr nötig. Dies hält die Kosten für den öffentlichen Betrieb tief und ermöglicht gleichzeitig den Fahrgästen das besondere Erlebnis die Seilbahn selbst in Gang zu setzen. Eine Überwachung aus der KWO-Leitstelle in Innertkirchen stellt sicher, dass bei Bedarf fachkundiges Personal aus der Ferne eingreifen kann. Bedingt durch die Lage in einem Naturschutzgebiet darf die Bahn nur während der Öffnungszeiten der Grimselpassstrasse für die Öffentlichkeit betrieben werden. Obwohl das Hotel Grimselhospiz seit einigen Jahren auch im Winter geöffnet ist, bleiben winterliche Fahrten dem Werkspersonal vorbehalten.

Da die alte Seilbahn Bestandteil des Schweizer Seilbahninventars war, wurden der nostalgische Keilriemenantrieb mit seiner innenliegenden Sicherheitsbremse auf der Antriebsscheibe, das imposante grüne Kommandopult zusammen mit dem mechanischen Kopierwerk, sowie die silberne Kabine vorerst eingelagert um zu einem späteren Zeitpunkt an einem noch zu bestimmenden Ort ausgestellt zu werden. Auf diese Weise wird die technisch während ihrer gesamten Betriebszeit nie veränderte und in dieser Art einzigartige Bahn für die Nachwelt erhalten, während durch die neue Anlage nun jedermann die Möglichkeit hat bequem über den Grimselsee zu schweben.


Link zum Datenblatt:

4-PB Grimselnollen - Hausenegg (ersetzt)
8-PB Grimselnollen - Hausenegg


BildDie knapp einen Kilometer lange Strecke führt direkt über den Grimselsee.

BildDie Kabine in der von der Vorgängerbahn übernommenen Talstation.

BildDie Technik stammt aus dem für Kleinseilbahnen konzipierten Baukastensystem. Neben dem Hauptantrieb ist der Notantrieb 1 zu erkennen, welcher auf den Zahnkranz auf der Seilscheibe wirkt.

BildEin zweiter Notantrieb sorgt für Redundanz.

BildIm Normalbetrieb wird mit der elektrischen Bremse des Hauptantriebs gebremst. Die auf die Seilscheibe wirkende Sicherheitsbremse ist wiederum in doppelter Ausführung vorhanden. Bei einem Defekt von einer der Anlage müssen lediglich die drei Kabel an die zweite Bremse umgesteckt werden.

BildDer Kommandostand entspricht dem gebräuchlichen Standard.

BildDas Bedienpanel in der Kabine mit welchem die Fahrgäste die Bahn selbst in Betrieb setzen befindet sich an der Kabinendecke.

BildBlick von unterwegs zurück auf die Talstation. Links angebaut an die Talstation ist der für den Werksverkehr benötigte, von der Vorgängerbahn übernommene wintersichere Zugang zu sehen.

BildWährend die alte Bahn drei Stützen auf der Fahrspur, sowie eine separate Stütze für die Rückführung des Zugseils auf der Gegenspur aufwies, verfügt die neue Bahn nur noch über eine einzige Stütze direkt unterhalb der Bergstation.

BildAn der 16 Meter hohen Stütze fällt die asymetrische Seilführung auf, welche für einen ausreichenden Abstand des Gegenseils zur Fahrspur sorgt.

BildDie Bergstation der alten Bahn wurde übernommen, jedoch um ein Stockwerk erhöht. Der Zugang zum Wasserschloss ist durch das Treppenhaus der Station möglich und somit auch bei grossen Schneemassen kein Problem.

BildIn der Bergstation befindet sich eine zusätzliche Bedieneinheit, mit welcher die Bahn auch von der Bergstation aus manuell gesteuert werden kann.

BildBefindet sich die Kabine in der Talstation, so kann sie von talfahrenden Fahrgästen mit einem einfachen Knopfdruck in die Bergstation gerufen werden.

BildSowohl Zug- wie Tragseil sind fest abgespannt. Die Umlenkung des Zugseils lässt sich jedoch bei Bedarf manuell nachspannen.

BildBlick von der Bergstation auf die Strecke. Links oben am Gehänge ist die Führung für die Einfahrtrompete der Bergstation zu erkennen wodurch sichergestellt wird dass die Kabine bei Wind trotz der nicht vorhandenen Führungsstangen nicht mit der Stationswand kollidiert.

BildDie silberne Kabine der alten Bahn in der Talstation. Die Holztore schützten bei Nichtverwendung der Bahn vor der Witterung.

BildDas massive Kommandopult der alten Bahn war nur für manuellen Betrieb ausgelegt.

BildEs herrschten beengte Verhältnisse in der alten, dunklen Talstation.

BildDas Laufwerk der alten Bahn verfügte wie auch der Neubau nicht über eine Fangbremse.

BildHinter dem kleinen Kommandoraum lag der Antrieb. Speziell war nicht nur die Kraftübertragung per Keilriemen, sondern auch die innenliegen auf Antriebsscheibe wirkende Sicherheitsbremse, die in dieser Form eher selten anzutreffen war.

BildDas mechanische Kopierwerk war der einzige Teil der des alten Antriebs welches nicht aus dem Baujahr 1957 stammte. Es wurde 2002 eingebaut.

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