Seilbahnlexikon - Herstellerverzeichnis

Agudio

Allgemeine Informationen
Name
Agudio

Land
I

Gründungsjahr
1860

Die Firma Tomaso Agudio zählte zu den erfolgreichsten Pendelbahnherstellern der Nachkriegszeit in Italien. Die ersten solchen Bahnen entstanden bereits ab 1946, eine Pendelbahn aus dieser Epoche findet sich heute noch immer weitgehend im Originalzustand in Courmayeur. Besonderes Merkmal der frühen Pendelbahnen der Firma waren speziell die weiss gestrichenen Fachwerkstützen, die später stets farbenfroh bemalt wurden. Neben Ceretti & Tanfani zählte Agudio lange Jahre zu den einzigen Herstellern Italiens, die im ganzen Land erfolgreich ihre Pendelbahntechnik in Betrieb nehmen konnten. Bis 1990 entstanden insgesamt 30 grössere Luftseilbahnen aus dem Hause Agudio mit Kabinen, die bis 75 Personen Platz boten und nicht selten in unwegsamem Gelände dem Betrieb übergeben wurden. Alleiniger Marktführer war Agudio in Italien im Gebiet der Standseilbahnen. Diese waren zwar wesentlich weniger verbreitet als beispielsweise in der Schweiz, dennoch konnte Agudio auch international zahlreiche sehr leistungsfähige Bahnen dieses Typs erstellen, mit einem Fassungsvermögen bis zu 300 Personen pro Wagen.

Ab Mitte der 70er Jahre begann Agudio neben dem Bau von Pendel- und Standseilbahnen auch mit der Konstruktion von kuppelbaren Kabinenbahnen. Die in den anderen Alpenländern so populär gewordenen Vierer- und später auch Sechserkabinen gab es in Italien so gut wie überhaupt nicht. Äusserstes Maximum stellten die wenigen von Marchisio gebauten Viererkabinenbahnen dar, die nach dem System Carlevaro erbaut wurden. Agudio war die erste italienische Firma, die moderne Kabinenbahnen anbot, und dazu noch mit eigens entwickelter Klemme. Die Akzeptanz in Italien hielt sich jedoch vorerst noch in Grenzen, und so dauerte es schliesslich bis in die erste Hälfte der 80er Jahre, ehe die ersten 6er Kabinenbahnen auf italienischem Boden dem Betrieb übergeben wurden. In der Folge entwickelte sich der neue Bahntyp aber zum landesweiten und auch zu Agudios grösstem Erfolg. Nach und nach gewann aber die Konkurrenzfirma Agamatic, die speziell zum Ausnutzen dieser Marktlücke in Italien 1981 gegründet wurde, mit der Rückendeckung von Hölzl und Doppelmayr die Überhand. Die letzten klassischen Agudio-Kabinenbahnen mit den charakteristischen Kabinen entstanden zu Beginn der 90er Jahre.

Zur selben Zeit hatte die Firma aber schon ein weiteres Ass im Ärmel, das so genannte DMC, das von Creissels entwickelt wurde. War es in Frankreich die Firma Poma, die das System ab 1984 erfolgreich vertrieb, so konnte Agudio ab Ende der 80er Jahre auf dem italienischen Markt für neuen Wind sorgen. Das ausgeklügelte Doppelseilsystem von Creissels, welches windsicher war und grosse Spannfelder ermöglichte, war seilbahntechnisches Neuland in Italien und fand auf Anhieb einige Abnehmer . Prominenteste und spektakulärste Anlage dieses Typs unter dem Namen Agudio ist sicher das DMC Europa in Arabba.

Zur selben Zeit stieg die Firma auch in den Bau von kuppelbaren Sesselbahnen ein. 1988 entstand die erste kuppelbare Sesselbahn aus dem Hause Agudio, ein kuppelbarer Vierer in Pinzolo. Die Anlage entstammte einer Zusammenarbeit mit dem Traditionshersteller Graffer unter dem Namen Gradio. Neben diesem Gemeinschaftswerk, bei dem eine neuartige Klemme zum Einsatz kam, entstanden aus dem Konsortium aber auch zahlreiche fixe Sesselbahnanlagen, die ersten der langen Firmengeschichte Agudios.

Diese sollten allerdings auch die letzten bleiben, die unter dem Namen des Firmengründers erstellt wurden. 1990 verkauften die Ahnen von Tomaso Agudio die Firma grösstenteils an Poma, die den Standort in Poma Italia umbenannten. Fortan stand das Produktprogramm von Poma auf dem Plan, darunter in erster Linie fixe Sesselbahnen. Diese wiesen zwar grundlegende Techniken von Poma auf, wie beispielsweise die charakteristischen Alpha-Stationen, gewisse Bestandteile wie beispielsweise die Stützen waren aber immer noch deutlich als solche von Agudio zu erkennen. Gemeinsam mit Graffer, respektive unter dem Namen Gradio, entstand 1992 noch eine weitere Bahn der Firmenzusammenarbeit. Die kuppelbare Vierersesselbahn in L’Aquila wurde neben den Sesseln aber bereits mit Technik von Poma Italia ausgestattet, so auch die Stationen des Typs Alpha von Poma sowie den neuen Stützen von Agudio. In der Folge entstanden keine weiteren Bahnen mehr in Zusammenarbeit mit Graffer.

Während die Sesselbahnen in den 90er Jahren munter weitere Abnehmer fanden, wurde die Produktion von Anlagen nach der Zusammenarbeit von Leitner und Poma ab dem Jahr 2000 den restlichen Standorten angepasst. Seitdem produziert das Werk von Agudio die identische Technik wie Poma.