Seilbahnlexikon - Herstellerverzeichnis

Ceretti & Tanfani

Allgemeine Informationen
Name
Ceretti & Tanfani

Land
I

Gründungsjahr
1885

Ceretti & Tanfani ist eine Mailänder Firma, die in Italien, Frankreich und Osteuropa während 100 Jahren im Seilbahnbau tätig war und 1890 von Giulio Ceretti und Vincenzo Tanfani gegründet wurde.

Die Firmengeschichte im Personen-Seilbahnbau begann mit einer der ersten erstellten Pendelbahnen der Welt zur Expo 1894 in Mailand. Schon zu diesem Zeitpunkt war die Firma ähnlich wie Bleichert und Pohlig auch im Bau von Materialseilbahnen sehr erfolgreich – insgesamt konnte Ceretti & Tanfani über 1000 solcher Bahnen errichten. Die 1894 eröffnete kleinere Bahn wurde aber in allen Punkten von der 1912 eröffneten Pendelbahn von Lana zum Vigiljoch übertroffen. Mit einer Länge von 2,2 Kilometern sowie insgesamt 39 Stützen in zwei Sektionen setzte Ceretti & Tanfani neue Massstäbe im Seilbahnbau. Die Bahn entstand in Kooperation mit dem Schweizer Bergbahnpionier Emil Strub, der allerdings noch vor der Fertigstellung verstarb. Im Gegensatz zum 1908 eröffneten Wetterhornaufzug, der aus der Feder von Von Roll stammte und bereits die später weit verbreitete Tragseilbremse aufwies, setzte Ceretti & Tanfani auf den Einbau eines Fangseils, welches die Kabinen im Falle eines Zugseilrisses gestoppt hätte. Aufgrund der gesetzlich vorgeschriebenen sehr geringen maximalen Seilspannung der Tragseile war Ceretti & Tanfani auf derart viele Stützen angewiesen, um die Spannfelder möglichst klein zu halten. Erst mit der Überzeugungsarbeit Luis Zueggs wurden die Gesetze gelockert, sodass auch in Italien später grosse Spannfelder bei Pendelbahnen möglich wurden. Jener Mann war auch für die Beseitigung diverser technischer Mängel der Bahn auf das Vigiljoch verantwortlich, ehe sie dem Betrieb übergeben werden konnte (Foto der Anlage).

1924 und 1927 eröffnete die Mailänder Firma ein weiteres Meisterwerk in vorerst zwei Sektionen, welches allerdings im Endeffekt nicht vollständig vollendet wurde. Die tollkühnen Pläne der Chamonixer sahen vor, mit drei Sektionen die knapp 3900 Meter hohe Aiguille du Midi zu erschliessen – ein ehrgeiziges Projekt, welches die Firma mit der Inbetriebnahme der beiden ersten Sektionen auch teilweise in die Tat umsetzen konnte. Für die dritte Sektion allerdings waren die technischen Voraussetzungen alles andere als optimal, sodass diese vorerst nicht gebaut wurde. Der zweite Weltkrieg tat sein Übriges dazu, dass die schlussendlich 1940 eröffnete Bahn schon bald darauf wieder stillgelegt wurde. Das Projekt konnte erst 1955 durch die deutsche Firma Heckel mit zwei Sektionen Pendelbahn auf neuer Trasse realisiert werden. Die alten Bahnen dienten damals zum Bau der neuen Pendelbahn. In französischer Sprache findet sich auf dieser Seite eine Reportage über die Anlagen mit zahlreichen Fotos.

Nach dem Krieg wurde die weiterentwickelte und perfektionierte Technik der Ceretti & Tanfani-Pendelbahnen auch zunehmend für den aufblühenden Skitourismus eingesetzt. Zahlreiche Pendelbahnen mit Kabinengrössen zwischen 30 und 75 Personen wurden in Süd- und Osteuropa dem Betrieb übergeben, vornehmlich in den 60er Jahren. Aus dieser Zeit stammen auch die charakteristisch prunkvollen Betonstationen der Firma (Foto einer frühen Pendelbahn der Firma in Bozen). Rekordhalter in Sachen Höhe über dem Meeresspiegel wurde die bekannte in drei Sektionen erbaute Pendelbahn zur Punta Indren in Alagna am Fusse des Monte Rosa in 3250 Metern Höhe. Die dritte spektakulär trassierte Bahn war ohne grössere Umbauten noch bis 2007 in Betrieb und wurde erst dann durch ein Funifor ersetzt.

Im gleichen Ort stieg Ceretti & Tanfani 1965 auch in den Bau von fixen Einseilbahnen ein. Im genannten Jahr entstand der erste Korblift aus Mailand, welcher bis 2005 in Betrieb war und ebenso durch seine spektakuläre Trassierung bekannt wurde. Auch fixe Sesselbahnen gab es aus dem Hause Ceretti & Tanfani, allerdings nur sehr wenige Exemplare. Die vermutlich letzte solche Anlage steht am Fedaiapass am Fusse der Marmolata in den Dolomiten, ist allerdings seit einigen Jahren nur noch sporadisch in Betrieb.

Ebenso entstanden in den 60er Jahren einige kuppelbare Kabinenbahnen mit dem Namen Ceretti & Tanfani auf dem Herstellerschild. Bei diesen handelte es sich um Lizenzbauten der Schweizer Firma Giovanola und deren Klemmenapparat. Die Mailänder Firma erstellte allerdings im Gegensatz zum Lizenzgeber nur Bahnen mit Zweierkabinen, keine mit Viererkabinen. Ähnlich wie die Konkurrenzbauten von SACIF und Carlevaro & Savio aus den Anfängen der 60er Jahre wurden die meisten kuppelbaren Anlagen aus Mailand inzwischen ersetzt. Im stillgelegten Skigebiet Pian Gelassa weilt aber eine unterdessen seit 1969 nach einem Lawinenniedergang stillgelegte Zweierkabinenbahn der Firma immer noch als stiller Zeitzeuge. Die Bahn wurde nach der Schliessung des Skigebietes unverändert belassen und abgesehen vom Abtransport von Seil und Kabinen kann dieses vermutlich letzte Exemplar der Firma noch immer bestaunt werden (Reportage der Anlage in italienischer Sprache mit vielen Fotos). Ein altes Foto einer sich in Betrieb befindlichen Bahn findet sich auf dieser Seite.

Ab Ende der 80er Jahre stieg die Firma wieder in den Bau von Standseilbahnen ein, ein Geschäftsfeld, in dem man bereits vor dem zweiten Weltkrieg tätig war. Einige grössere Bahnen mit Wagenkapazitäten von bis zu 450 Personen wurden vor allem in Italien erstellt. Jene Bahn mit dieser rekordverdächtigen Wagengrösse ist seit 1991 in Neapel in Betrieb.

Es sollten allerdings die letzten Bahnen in der langen Firmengeschichte Ceretti & Tanfanis bleiben, denn die Firma zog sich Mitte der 90er Jahre aus dem Seilbahnbau zurück und konzentriert sich seither auf andere Bereiche des Transportwesens.