Seilbahnlexikon - Herausragende Schweizer Seilbahnen

2.2 Genferseeregion & Freiburger Alpen

Lausanne am Genfer See kann mit der 1877 eröffneten ersten Standseilbahn der Schweiz vom Seeufer Ouchy in die Lausanner Innenstadt als der Geburtsort der modernen Schweizer Seilbahn bezeichnet werden. Obwohl diese Anlage, wie auch einige weitere klassische Standseilbahnen in der Region schon nach dem zweiten Weltkrieg in Zahnradbahnen mit höherer Förderleistung umgebaut wurden, sind heute noch immer eine Hand voll Nostalgie-Standseilbahnen rund um den Genfer See und in höher gelegenen Bergregionen in Betrieb.

Angefangen in Vevey, südöstlich von Lausanne gelegen, erschliesst eine Standseilbahn aus dem Jahr 1900 mit nostalgischem Charakter den Mont Pélérin, von dem aus bei klarer Sicht nun seit über 100 Jahren ein famoser Blick über den Genfer See möglich ist. Weiter südlich, nahe Montreux gelegen, trifft man auf die erst vor kurzem umgebaute Standseilbahn Territet-Glion, die mit Baujahr 1893 eine der ältesten noch in Betrieb befindlichen Seilbahnen der Schweiz darstellt. Seit dem Umbau ist sie nun als vollautomatisch betriebene Bahn mit neu eingebauter Mittelstation auf moderne Art und Weise in das urbane Nahverkehrssystem integriert. An diese Bahn schliesst sich aber auch die historische Zahnradbahn zum Rochers-de-Naye an, die alleine schon eine Reise wert ist. Doch entlang der Strecke trifft man auf insgesamt drei nicht direkt miteinander verbundene Skigebiete, die dem Grossteil der Touristen gar nicht bekannt sein dürften. In geschützter Kessellage nahe der Bergstation, rund 1600 Meter über dem Genfer See gelegen, sind zwei nostalgische Schlepplifte der Firmen Müller und Poma anzutreffen, die weiter nördlich durch einen ausschliesslich per Zahnradbahn erreichbaren Dreiecksschlepplift der Firma Leitner ergänzt werden. Von hier ist eine Variantenabfahrt bis nach Caux möglich, wo sich auf rund 1000 Meter Seehöhe ein Unikat aus dem Hause Tebru / Skima aus den 60er Jahren befindet. Nicht weit davon entfernt erschliesst vom Bergdorf Les Avants eine Nostalgie-Standseilbahn der Firma Von Roll die Anhöhe Sonloup. Ebenso kurios wie das Skigebiet am Rochers-de-Naye werden auch einige Schlepplifte in Les Pléiades durch eine Zahnradbahn erschlossen. Eine der Anlagen weist als weiteres Kuriosum eine Kombination aus Poma-Schlepplift und Fachwerkstützen von Oehler auf, die für eine einmalige, historische Optik sorgen.

Die einst so zahlreich vorhandenen historischen Seilbahnen im Waadtländer Teil der Region Chablais sind heute bis auf sehr wenige Ausnahmen quasi ausgestorben. Grund hierfür ist in erster Linie, dass die grossen Skigebiete Leysin, Villars, Gryon und Les Diablerets ihre Anlagen weitgehend durch moderne Bahnen mit grossen Förderleistungen ersetzt haben. Vor allem die Firma Städeli konnte mit ihren fix geklemmten Sesselbahnen mit den charakteristischen blauen Lattensesseln in den 70er Jahren quasi die gesamten Alpes Vaudoises bestücken, doch nur eine Hand voll Bahnen dieses Typs kann man heute noch in Leysin bestaunen. In Sachen Kabinenbahnen waren es die in der gesamten Schweiz federführenden Hersteller Müller und Giovanola, die mit ihren Konstruktionen die Erschliessung zahlreicher Berge wie der Videmanette, der Montagnette, dem Pic Chaussy, dem Roc d’Orsay, Les Chaux, dem Glacier des Diablerets und Isenau ermöglichten. Lediglich letztgenannte Anlage ist übrig geblieben, eine Kabinenbahn der ganz besonderen Art aus dem Hause Giovanola. Ursprünglich als Anlage mit zweiplätzigen Kabinen konzipiert, wurde sie 1974 als letzte Seilbahn der Firmengeschichte in eine Vierer-Kabinenbahn umgebaut, wobei die Stützen aus den 50er Jahren erhalten blieben. Bis heute besitzt die Bahn mit ihren kultigen roten Kabinen noch eine manuelle Türöffnung per Hand, nahezu einmalig in der Schweiz. Doch auch die Tage dieser Seilbahn, die ein kleines Skigebiet und eine Sonnenterrasse erschliesst, sind gezählt, denn bereits 2012 soll sie aufgrund einer auslaufenden Betriebsbewilligung einem Neubau weichen.

Doch auch herausragende Schweizer Seilbahnkonstruktionen neueren Datums gibt es in den Alpes Vaudoises zu entdecken. Nur wenige Kilometer von der angesprochenen Kabinenbahn Isenau befindet sich der Glacier des Diablerets, besser bekannt unter seinem Marketingnamen Glacier 3000. Ursprünglich wurde das unwegsame Gelände durch mehrere Pendelbahnen der Firmen Habegger und Von Roll erschlossen, ehe es Ende der 90er Jahre zu einem kompletten Neubau der Anlagen kam. Federführend war auch diesmal die Firma Von Roll, die allerdings zu diesem Zeitpunkt bereits zum österreichischen Hersteller Doppelmayr gehörte. Besonders erwähnenswert sind dabei zwei Sektionen Pendelbahn mit 125er-Kabinen, die in Höhen von bis zu 200 Metern über dem Boden steile Felswände und Gletschereis überwinden.

Die Freiburger Alpen waren von einigen schneearmen Wintern der letzten Jahrzehnte leider so stark betroffen, dass zahlreiche kleinere Einzelanlagen und sogar ganze Skigebiete den Betrieb einstellen mussten. Abgesehen vom wirtschaftlichen Schaden ist aber auch der dadurch bedingte Wegfall zahlreicher technisch interessanter Seilbahnanlagen zu beklagen. Neben diesen kompletten Stilllegungen stellten nach dem vergangenen Winter mit der Von Roll-Pendelbahn auf den Moléson-Gipfel sowie zwei Schleppliften der Firma Brändle aus den 50er und 60er Jahren im Skigebiet Schwarzsee im Senseland weitere historisch wertvolle Seilbahnen den Betrieb ein, da sie durch Neubauten ersetzt werden. Somit bleibt festzuhalten, dass die letzte wirklich als nostalgisch anzusehende Seilbahn des Kantons Freiburg die innerstädtische Standseilbahn La Neuveville-St-Pierre in Fribourg ist. Auf diese mit Wasserballast betriebene Anlage wurde bereits detailliert in Kapitel 1.3 eingegangen.