Seilbahnlexikon - Herausragende Schweizer Seilbahnen

2.3 Wallis

Einst war das Wallis ein nahezu rundherum durch hohe Bergzüge verschlossenes Gebirgsgebiet, fernab von jeglichen Tourismusströmen. Diese kamen erst im Zuge der Erschliessung namhafter Alpenübergänge wie dem Grossen St. Bernhard oder dem Simplonpass sowie mit der sich schnell ausbreitenden Eisenbahn auf. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die ersten Seilbahnen im Wallis ausschliesslich zur Ortserschliessung dienten. Erst mit der Eröffnung der Autoverlade Lötschberg und Furka, die weite Teile des deutschsprachigen Wallis ganzjährig mit den Kantonen auf der Alpennordseite verbinden konnten, hielt auch der Tourismus flächendeckend Einzug. Das Wallis weist heute nach Graubünden die grösste absolute Zahl an Logiernächten , einem starken Indikator des Tourismus, auf; an sich ein Zeichen für eine florierende Tourismuswirtschaft, was sich infolgedessen auch an modernen Seilbahnen ablesen lassen müsste. Doch erstaunlicherweise ist die Mehrzahl der Walliser Skigebiete, speziell im französischen Teil, noch immer mit einem grossen Anteil an historisch wie technisch interessanten und wertvollen Seilbahnanlagen bestückt. Ein Grund hierfür ist ohne Zweifel das schroffe Relief, welches ausschliesslich grosse Pendelbahnen als Erschliessungsvariante zuliess. Diese langlebigen Pendelbahnen mit teils spektakulären Trassierungen sind bis heute an vielen Orten erhalten geblieben.

Ein gutes Beispiel für die konträre Seilbahnentwicklung der letzten drei Jahrzehnte in Frankreich und der Schweiz sind die Portes du Soleil, welche sich zum grössten Teil auf französischem Boden befinden, ein Teil ist aber auch im Unterwallis auf Schweizer Seite anzutreffen. Während auf Seiten Frankreichs seit den 80er Jahren beständig das Angebot an Förderleistung in Form neuer, leistungsfähiger Anlagen ausgebaut wird, ist dies auf Schweizer Seite erst seit rund zehn Jahren der Fall. Die Präzisionsarbeit der Schweizer Konstrukteure dürfte hier dafür gesorgt haben, dass sich manche Bahn noch deutlich länger halten konnte als in Frankreich.

Für den Freund historischer Anlagen ist das weitläufige Gebiet, das sich zwischen Torgon und Champéry erstreckt, ein wahres Paradies. Neben einigen älteren Schleppliften unterschiedlichster Hersteller sind die beiden kuppelbaren Bahnen in Morgins und Torgon technisch besonders interessant. Bei ersterer handelt es sich um eine auf kuppelbar umgebaute ehemals fix geklemmte Sesselbahn der Firma Städeli, letztgenannte ist eine von nur zwei jemals gebauten Kompaktanlagen des Systems „Quattro“ von Von Roll. Beide sind somit Zeitzeugen der frühen Entwicklung im Bereich der kuppelbaren Sesselbahn. Nicht minder interessant ist aber auch die Grosskabinenpendelbahn, die von Champéry aus ein Teilgebiet der Portes du Soleil erschliesst. 1987 von Garaventa gebaut stammt sie aus einer Zeit, als die Erschliessung neuer Geländekammern abflachte und der Ersatz bestehender Anlagen durch leistungsstärkere Bahnen zu florieren begann.

Eine völlig andere Entwicklung, aber mit ebenso interessantem Ausgang, trifft man in den beiden kleinen Skigebieten Les Giettes und Les Marécottes an, wo sich unter anderem ein Schlepplift der Firma Skima, vermutlich der letzte überhaupt, sowie eine enorm steile Kabinenbahn der Firma Giovanola befinden. Bei ersterem Gebiet handelt es sich sogar um ein Privatskigebiet, das ausschliesslich Gästen eines Bergrestaurants vorbehalten ist.

Um eine weitere modernisierte Kabinenbahn der im Unterwallis ansässig gewesenen Firma Giovanola handelt es sich bei der Anlage am Fusse des Col du Grand-Saint-Bernard, welche allerdings zur Zeit nicht geöffnet ist. Noch immer kann aber in diesem Teil des Wallis die Firma Städeli den Hauptanteil der Seilbahnen für sich verbuchen. Anders im nahe gelegenen Skigebiet der Quatre Vallées, die sich zwischen Verbier und Veysonnaz erstrecken. Auch hier war man einst Stammkunde bei Städeli, doch in den letzten Jahren fielen zahlreiche Anlagen dieses prominenten Schweizer Herstellers Neubauten zum Opfer. Die letzte noch verbliebene Nostalgieanlage ist die Kabinenbahn Savoleyres in Verbier, ein Giovanola-Lizenzbau. Nichtsdestotrotz bieten die Quatre Vallées mit einem Funitel und spektakulären Pendelbahnen im Bereich Mont Fort von der Firma Garaventa sowie zwei technisch sehr interessanten Kabinenbahnen von Von Roll in Veysonnaz und Nendaz auch herausragende Schweizer Ingenieurskunst neueren Datums. Auch fix geklemmte Sesselbahnen und Schlepplifte aus der Blütezeit des Skitourismus in den 70er Jahren, vornehmlich aus dem Hause Bühler, stellen in den Quatre Vallées keine Seltenheit dar.

Eine grundsätzlich ähnliche Anlage wie in Nendaz ist auch in Grimentz anzutreffen, einem Bergdorf im malerischen Val d’Anniviers. Hier werden die Kabinen in der Bergstation ein Stockwerk per Kettenförderer nach oben transportiert, ehe der Ausstiegsbereich folgt. Doch nicht nur diese eine Von Roll-Kabinenbahn zählt zu den technisch interessanten Konstruktionen im Val d’Anniviers, auch in den Nachbarorten Zinal, Saint-Luc und Vercorin sind eine typische Habegger-Pendelbahn aus den 60er Jahren, mehrere kultig trassierte Poma-Schlepplifte sowie eine Giovanola-Kabinenbahn in zwei Sektionen zu bestaunen.

Doch auch nördlich der Rhône sind in den Skigebieten Crans-Montana und Anzère bis heute eine Reihe von technisch interessanten Anlagen erhalten geblieben. Erwähnenswert ist an dieser Stelle neben einer weiteren nostalgischen Giovanola-Kabinenbahn in Aminona das zweite Funitel der Schweiz, welches oberhalb von Montana bis auf knapp 3000 Meter Seehöhe führt, genauso wie die mit über vier Kilometern schräger Länge längste Standseilbahn der Schweiz, die als Zubringer vom Talboden aus fungiert. Während diese beiden Anlagen von Garaventa stammen, trifft man im nahe gelegenen Anzère, dort, wo Von Roll einst den ersten Versuch einer kuppelbaren Zweiseilumlaufbahn wagte, auf die schnellste Sesselbahn der Schweiz, die auf eine Idee der selben Firma zurückgeht. Die kuppelbare Sesselbahn Combe de Serine ersetzte zwei fix geklemmte Sesselbahnen und zählt bis heute zu den längsten und aussergewöhnlichsten Sesselbahnen der Schweiz.

Bereits jenseits des Röstigrabens in deutschsprachigen Gefilden befindet sich Leukerbad, wo neben einem kleinen Skigebiet der Gemmipass durch eine nostalgische Pendelbahn der Marke Von Roll erschlossen wird. Die steil entlang von Felswänden trassierte Anlage war mit Baujahr 1957 eine der ersten touristisch orientierten Anlagen im Oberwallis sorgt seit nunmehr über 50 Jahren für einen bequemen Zugang zur landschaftlich reizvollen Hochebene am Fusse des Wildstrubels. Doch auch auf der gegenüberliegenden Talseite sind im Skigebiet Torrenthorn zwei nicht uninteressante Anlagen anzutreffen. Hierbei handelt es sich einerseits um eine klassische Von Roll-Pendelbahn aus den 70er Jahren, andererseits um die letzte Kabinenbahn dieses Schweizer Traditionsherstellers aus dem Jahr 1995.

Mit Jeizinen und der Lauchernalp finden sich östlich von Leukerbad noch zwei weitere kleinere Skigebiete mit völlig ungleichem Charakter. Die Feselalp oberhalb des kleinen Dörfchens Jeizinen wird vom örtlichen Skiclub betrieben und von einer Sesselbahn sowie zwei Schleppliften der Firma Städeli erschlossen. Als Zubringer dient eine der so vielen erhalten gebliebenen kleineren Pendelbahnen, wie man sie auch noch in Dorénaz, Riddes, Raron oder Turtmann antrifft, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Lauchernalp hingegen ist mit weitgehend modernen Anlagen bestückt, Ausnahme bildet hier ein wunderbar erhaltener und gepflegter Schlepplift Marke Tebru, einem der letzten Exemplare dieses innovativen Herstellers.

Nicht minder interessant sind die drei Skigebiete in der Augstbordregion, Eischoll, Unterbäch und Bürchen. In allen dreien sind Schlepplifte mit grössten Höhendifferenzen an der Tagesordnung, der Schweizer Rekordhalter mit knapp 650 Meter Höhenunterschied zwischen Tal- und Bergstation ist der Küpferlift Törbeltälli im Skigebiet von Bürchen. Im selben Gebiet dreht auch noch ein nostalgischer Baco-Schlepplift seine Runden, an dem Skifahren noch wie vor 50 Jahren möglich ist.

Betrachtet man die Vispertäler südlich von Visp gelegen, so kommen einem spontan die prominenten Namen Zermatt und Saas Fee in den Sinn, die eine Vielzahl an interessanten Seilbahnen bis zum höchsten per Seilbahn erschlossenen Punkt der Alpen aufweisen. Doch genau dort, wo sich das Tal in Mattertal und Saastal teilt, unterqueren jährlich abertausende Touristen eine nostalgische Pendelbahn, vermutlich ohne es überhaupt zu bemerken. Von Stalden erschliesst eine derartige Bahn in zwei Sektionen den Weiler Gspon, an dem sogar zwei Schlepplifte ein kleines Skigebiet bilden. Die beiden kleinen, roten Kabinen pendeln hier in luftiger Höhe bis auf 1900 Meter über dem Meer, wo sie ein landschaftlich reizvolles Gelände erschliessen, fernab vom Massentourismus einige Kilometer weiter südlich.

Dennoch sind auch weiter südlich in den Vispertälern technisch herausragende Seilbahnanlagen an der Tagesordnung. Einige äusserst spektakuläre Anlagen wie die Klein Matterhornbahn in Zermatt oder die Kabinenbahn zum Felskinn sowie die unterirdische Standseilbahn zum Allalingletscher in Saas Fee wurden bereits im ersten Abschnitt dieses Buchs thematisiert, doch die beiden Tourismusorte bieten noch eine Reihe weiterer Seilbahnen, die aufgrund ihrer Trassierung oder ihrer Technik einmalig sind. Im Saastal ist dies neben den zahlreichen Gletscherliften die letzte verbliebene originale Von Roll-Kabinenbahn der Schweiz mit VR102-Klemmen, der Nachfolgeserie der legendären VR101-Seitwärtssesselbahnen. Doch auch Zermatt muss sich mit der ersten modernen Standseilbahn der Schweiz, die ausschliesslich für den Skitourismus gebaut wurde, nicht verstecken. Die unterirdische Anlage zur Sunnegga läutete eine neue Epoche im Seilbahnbau ein. Als Fortführung entstand einige Jahre später die Pendelbahn zum Unterrothorn der Firma Garaventa, mit 150-plätzigen Kabinen eine der grössten Bahnen überhaupt auf Schweizer Boden. Eine weitere technisch eindrucksvolle Pendelbahn entstand 1998 zum Hohtälli, wobei hier die mit über 90 Metern Höhe höchste Zwischenstütze der Schweiz eingebaut wurde. Allerdings verschwand gerade im vergangenen Jahrzehnt der grösste Teil der Nostalgieseilbahnen rund um Zermatt. War die Bergwelt bis dato nahezu fest in der Hand von Von Rollschen Pendelbahnen, so wurden diese durch neue Produkte, teils auch auf neuer Linienführung ersetzt. Übrig blieb allerdings bis heute eine klassische Giovanola-Kabinenbahn als Verbindung zwischen Gant und Blauherd. Trotz ihres Alters bekam die Bahn erst vor kurzem eine Verlängerung der Konzession, sodass davon auszugehen ist, dass sie noch einige Jahre ihre Runden drehen wird.

Eine weitere Besonderheit stellen die Gletscherlifte in Zermatt und Saas Fee dar. Bis in eine europäische Rekordhöhe von 3900 Metern Seehöhe auf der Gobba di Rollin erschliessen sie die beiden grössten Gletscherskigebiete der Schweiz. Gepaart mit dem grandiosen Blick auf das Matterhorn zählt Zermatt daher nicht ohne Grund zu den beliebtesten Sommerskigebieten.

Trotz der schneereichen Lage des Goms mussten im Oberwallis aber zahlreiche Skigebiete in den vergangenen Jahrzehnten ihre Pforten schliessen. Kleinere Gebiete, die vom Reissbrett geplant wurden, konnten sich nicht mehr länger gegen die Platzhirsche des Wallis behaupten, sodass nur noch wenige namhafte Gebiete wie die Belalp, Rosswald, die Aletschregion sowie Bellwald und einige einzelne Schleppliftanlagen übrig geblieben sind. Mit dem seltenen Typ der durch Von Roll auf kuppelbar aufgerüsteten fix geklemmten Sesselbahn sowie dem letzten existenten Exemplar des Zweiseilschlepplifts der Firma Küpfer weisen Bellwald und die Belalp aber gleich zwei Anlagen der ganz besonderen Art auf. Die Aletschregion mit ihren zahllosen grossen Pendelbahnen auf der Riederalp, Bettermeralp und am beliebten Ausflugsziel Eggishorn bietet nicht nur einen extravaganten Blick auf den grössten Gletscher der Alpen, sondern auch in technischer Hinsicht ein grandioses Fahrterlebnis.