Seilbahnlexikon - Herausragende Schweizer Seilbahnen

2.4 Berner Oberland

Schon früh zog die malerische Landschaft des Berner Oberlands die Touristen in Scharen an. Bereits nach der Jahrhundertwende konnten die ersten namhaften Berge wie das Brienzer Rothorn, die Kleine Scheidegg sowie das Jungfraujoch per Zahnradbahn bequem zugänglich gemacht werden, erste Standseilbahnen rund um den Brienzer und Thuner See sollten zeitnah folgen. Nicht zuletzt sorgte die verkehrstechnisch günstige Lage des von Norden her leicht zugänglichen Berner Oberlands für einen raschen Anstieg der Tourismuszahlen. Wenig verwunderlich ist daher die Tatsache, dass sich auch der Skitourismus im gesamten Berner Oberland schon früh verbreiten konnte. In heute bekannten Touristenzentren wie Gstaad, Adelboden oder Grindelwald machte der Wintersport seine ersten Gehversuche mit den Funischlitten Arnold Annens bereits Mitte der 30er Jahre. In der Folge stiegen eine Vielzahl an kleineren zuvor lokal agierenden Ingenieurbüros und Maschinenfabriken in den Seilbahnbau ein, darunter speziell aus der Agglomeration Thun prominente Namen wie Habegger, Küpfer oder Baco.

Im nördlichen Bereich des Berner Oberlands sowie auch im Berner Mittelland waren es genau jene drei Firmen, die quasi im Alleingang die Voralpen mit ihren Schleppliften bestücken konnten. Speziell in der Gantrischregion war es bis auf wenige Ausnahmen allein das Werk der Firma Habegger, dass derart viele kleinere Orte ihren eigenen Schlepplift in Auftrag gaben. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Regionen der Schweiz, in denen diese einzelnen Anlagen oder kleineren Skigebiete immer seltener werden, konnten sich im Gantrischgebiet bis auf eine Ausnahme alle Gebiete bis zum heutigen Tag halten. Auch im Emmental konnte sich Habegger behaupten, hier waren es aber in erster Linie die erwähnten Firmen Küpfer und Baco, die ihre Anlagen vertreiben konnten. Eine Ausnahme bildet dabei der bis heute existente Schlepplift Linden, bei dem es sich um eine Occasionsanlage der Firma Müller aus Sörenberg handelt. Die Anlage wurde in den 70er Jahren weitgehend unverändert in Linden wieder aufgebaut, sodass es sich bei dem Schlepplift, der ursprünglich aus dem Jahr 1950 datiert, neben dem Schlepplift Herrenboden im Kanton Schwyz faktisch heute um die älteste Schleppliftanlage der Schweiz handelt.

Auch von den eingangs erwähnten frühen Standseilbahnen des Berner Oberlands sind bis heute zahlreiche äusserst interessante Exemplare erhalten geblieben. Hierzu zählen neben abermals für den urbanen Personentransport erstellte Anlagen in der Stadt Bern, darunter mit der Marzilibahn die kürzeste Standseilbahn der Schweiz, vor allem auch die ersten Anlagen dieser Form für den frühen Tourismus. Die älteste erhaltene Seilbahn der Schweiz überhaupt, mit Baujahr 1879, stellt dabei die von der Maschinenfabrik Bell erbaute Anlage an den Giessbachfällen am Ufer des Brienzer Sees dar, auf die bereits in Kapitel 1.3 näher eingegangen wurde. Nur wenige Kilometer bergaufwärts lädt auch die nostalgische Bahn an den Reichenbachfällen in Meiringen zu einer Fahrt ein. Eine ähnliche Standseilbahn aus dem Jahr 1906 ist von Interlaken zur Heimwehfluh zu bestaunen, sie stammt allerdings aus der Produktion der Von Rollschen Eisen- und Stahlwerke Bern. Nur vier Jahre nach der Bahn in Interlaken entstand eine der bis heute grössten und spektakulärsten Standseilbahnen der Welt am bekannten Niesen. Der aufgrund seiner Form an eine Pyramide erinnernde Berg wird seit 1910 durch zwei Sektionen steile Standseilbahn mit einer Höhendifferenz von insgesamt gut 1600 Metern erschlossen. Der Bau dieser Bahn kann als Geburtsstunde des touristisch orientierten Seilbahnbetriebs in der Schweiz angesehen werden.

Nicht weit entfernt vom Niesengipfel trifft man östlich von Spiez im Simmental das Dorf Erlenbach an, von wo aus Ende der 60er Jahre ein Projekt zur Erschliessung des markanten Stockhorns realisiert wurde. In zwei Sektionen erstellte Von Roll zwei völlig konträre Pendelbahnen. Während die erste Sektion als schwere Anlage mit Kabinen für 60 Personen ausgestattet wurde, kamen auf dem zweiten Abschnitt gerade einmal halb so grosse Kabinen zum Einsatz. Dies in erster Linie, da die erste Sektion auch ein kleines Skigebiet erschloss. Auch wenn die Skihänge aus Gründen der Wirtschaftlichkeit geopfert wurden, so kann der Seilbahninteressierte noch immer die Fahrt mit zwei ganz herausragenden, in reizvoller Landschaft gelegenen Von Rollschen Konstruktionen aus den 60er Jahren geniessen.

Weiter talaufwärts erreicht man das weisse Hochland von Gstaad, die Region, in der mit Arnold Annens Funischlitten einst der Aufstieg des Skitourismus seinen Lauf nahm. Auch wenn heute keine dieser nostalgischen Bahnen mehr anzutreffen ist, so gibt es eine ganze Reihe anderer interessanter Anlagen, die vornehmlich aus den 80er Jahren stammen und im Zuge der generellen Erhöhung der Förderleistungen in Skigebieten in jener Epoche entstanden.

Nicht minder interessant ist auch die gegenüber der Egglibahn in Gstaad befindliche Kabinenbahn zur Wispile. Sie stellt die einzige grosse Kabinenbahn des Herstellers Rowema, Nachfolger der Tranditionsfirma Müller, in der Schweiz dar.

Auch die etwas weiter östlich gelegene Skiregion Adelboden-Lenk bietet seilbahntechnisch allerlei Besonderheiten. Am Betelberg oberhalb von Lenk dient eine der letzten verbliebenen kuppelbaren Vierersesselbahnen der Firma Städeli als ein Einstieg in das Skigebiet. Während im Gebiet rund um den Hahnenmoospass, dem Pass, der Adelboden mit der Lenk verbindet, weitgehend moderne Anlagen anzutreffen sind, bildet die Kabinenbahn Geils-Hahnenmoos die Ausnahme. Bei dieser handelt es sich um eine der ersten je gebauten kuppelbaren Kabinenbahnen der Firma Habegger, ausgestattet noch mit dem Kuppelsystem der Firma Giovanola. Eine Gruppenpendelbahn mit Kurve mitten im Ortszentrum rundet das Angebot an speziellen Seilbahnen in diesem Sektor ab. Bei dieser Anlage aus dem Hause Städeli stellte sich im dicht bebauten Adelboden eine Kurve als unumgänglich heraus, zur Bewältigung dieser kam eine spezielle Konstruktion zum Einsatz, bei der die Kabinen auf beiden Fahrstrecken von der selben Seite an das Förderseil greifen. Die Fortführung findet die Anlage in Form einer Gruppenumlaufbahn zur Tschentenalp. Diese weist als letzte Gruppenbahn der Schweiz die charakteristische Städeli-Ausfahrt auf.

Etwas oberhalb von Adelboden ist im Skigebiet auf der Engstligenalp das letzte Exemplar eines Habegger-Schlepplifts mit inmittierter Seilführung anzutreffen. Hierbei handelt es sich um einen quasi eben verlaufenden Verbindungslift. An seinem Ende beginnt ein weiteres Schweizer Kuriosum, der Doppelschlepplift Dossen, dessen einer Teil von Habegger eine Kurve mit schrägen Rollen besitzt, das neuere Pendant von Garaventa hingegen besitzt eine Seilführung im Polygon, mit sage und schreibe sieben Ablenkungen auf der gesamten Strecke.

Die Jungfrauregion ist seit jeher eines der bekanntesten und beliebtesten Ausflugsziele des Berner Oberlands und der gesamten Schweiz. Dies ist in erster Linie den Zahnradbahnen in der Region zu verdanken, die mit dem Jungfraujoch über 3400 Meter Seehöhe erreichen. Doch auch eine Vielzahl interessanter Seilbahnen trifft man in dieser Region an. Hierzu zählen im Bergdorf Grindelwald die beiden Zubringerbahnen in die Skigebiete Männlichen und First. In ersteres führt eine der längsten Kabinenbahnen für den öffentlichen Personentransport in Europa zum Männlichengrat, erbaut wurde sie von der prominenten Firma Habegger. Aufgrund eines drohenden Ersatzes in den kommenden Jahren ist allerdings Eile geboten, will man die rund dreissigminütige Fahrt über 52 Zwischenstützen noch geniessen. Die andere Talseite wird mit einer etwas neueren, aber ähnlich langen Kabinenbahn der Firma Von Roll erschlossen. In drei Sektionen ersetzte die Bahn eine Seitwärtssesselbahn aus den 40er Jahren. Kurios ist insbesondere die erste Sektion, bei der eine Winkelstation eingebaut wurde, in welcher die Kabinen zwar vom Seil gelöst werden, aber mit annähernd voller Geschwindigkeit um die Kurve bewegt werden.

Ein weiteres prominentes Seilbahnexemplar findet sich nahe der kleinen Scheidegg in Form der Sesselbahn Wixi. Ursprünglich in den 60er Jahren von Habegger als fix geklemmte Sesselbahn gebaut, wurde sie 1992 durch Von Roll in eine kuppelbare Anlage umgerüstet. Hierbei kam das in der Schweiz nur drei Mal eingesetzte System der VH400 light zum Einsatz, welches auf minimalistische Art und Weise eine kostengünstige kuppelbare Bahn ermöglichte. Da die Bahn jährlich beim Weltcuprennen am Lauberhorn auch im Fernsehen zu sehen ist, zählt sie zu den prominentesten Anlagen in der Schweiz. Die Sesselbahn soll allerdings 2012 ersetzt werden. Ähnlich prominent wurde auch die Schilthornbahn mit dem so getauften Piz Gloria, der als Drehort für den James Bond-Film „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ diente. Die zum Zeitpunkt des Drehs brandneue Von Roll-Pendelbahn in insgesamt drei Sektionen ist bis heute abgesehen von einigen Umbauten und neuen Kabinen weitgehend erhalten geblieben. Besonders speziell ist die erste Sektion, welche in zwei Abschnitte mit Zwischenstation in Gimmelwald aufgeteilt ist. Die linke Kabine befährt dabei nur den unteren Teil, die rechte nur den oberen, sodass die Fahrgäste in der Mitte umsteigen müssen.

Kraftwerksbahnen, die zum Bau von Stauseen oder zum Betrieb von Wasserkraftwerken in den Bergen erstellt wurden, sind in der Schweiz keine Seltenheit. Dennoch gilt es das Seilbahn-Netzwerk der Kraftwerke Oberhasli an der Nordrampe des Grimselpass sowie am Sustenpass besonders hervorzuheben. Eine derartige Dichte an Werksbahnen, die für Kraftwerkszwecke dienen, ist für die Schweiz einmalig. Um einen ganzjährig sicheren Weg in bis zu 2300 Meter Höhe zu haben, betreiben die Kraftwerke eine Vielzahl kleinerer und grösserer Werksbahnen, die zu einem grossen Teil auch für Besuchergruppen zugänglich sind. Neben zahlreichen Pendelbahnen der Firmen Habegger, Küpfer und Streiff, ist besonders die extrem steile Gelmerbahn ein herausragendes Exemplar in der Region. Diese ursprünglich von Von Roll stammende Standseilbahn ist seit der Jahrtausendwende für jedermann geöffnet.