Seilbahnlexikon - Herausragende Schweizer Seilbahnen

2.5 Zentralschweiz

Auch wenn die Zentralschweiz, welche in politischer Hinsicht die Kantone Luzern, Obwalden, Nidwalden, Zug, Schwyz und Uri umfasst, nicht mit gleichermassen prominenten Bergnamen wie das Wallis oder das Berner Oberland gesegnet ist, begann auch in dieser Region der Schweiz schon früh eine Erschliessung der Bergwelt durch Seilbahnen. Dies einerseits in einem ganz speziellen Ausmass mittels Kleinpendelbahnen für Vieh- und Heutransporte, auf welche bereits in Kapitel 1.4.3 eingegangen wurde, andererseits aber auch für Bahnen mit touristischem Zweck. Als erste für den Tourismus ausgelegte Aufstiegshilfen gingen jedoch keine Seilbahnen, sondern Zahnradbahnen in die Geschichte ein, darunter 1879 die erste grössere der Schweiz auf die Rigi. Wenige Jahre später folgte eine Anlage am Hausberg von Luzern, dem Pilatus.

Genau an jenem Berg begann Mitte der 50er Jahre aber auch der Bau einer Seilbahnkette in drei Sektionen bis zur Bergstation der bereits lange Zeit beliebten Zahnradbahn. Wurde diese noch von Alpnachstad am Südzipfel des Alpnachersees, einem Ausläufer des Vierwaldstättersees, auf der Südseite zur Pilatus Kulm trassiert, konnte mit der weitgehend bodenunabhängigen Luftseilbahn die direkte Trassierung von Luzern aus realisiert werden. Auch wenn die ersten beiden Sektionen, ehemals eine Zweiseilumlaufbahn der Firma Bell, inzwischen durch eine moderne Kabinenbahn der Marke Garaventa ersetzt wurden, ist die kühn trassierte dritte Sektion, wenn auch in leicht modernisierter Form, noch immer anzutreffen.

Eine ähnliche Entwicklung erfuhr das Brienzer Rothorn, auf welchem die drei Kantone Bern, Luzern und Obwalden zusammentreffen. Wurde der Gipfel bereits ab 1892 durch eine Zahnradbahn vom im Kanton Bern gelegenen Brienz erschlossen, so folgte 1971 eine zweite Achse in Form einer Pendelbahn vom luzernischen Sörenberg aus, nach der Pendelbahn von Weggis nach Rigi Kaltbad die zweite grosse derartige Anlage des Kantons. Bei dieser annährend drei Kilometer langen Pionieranlagen handelt es sich um ein bis heute erhalten gebliebenes Gemeinschaftswerk der beiden Firmen Von Roll und Bell. Im Zuge des Baus der Pendelbahn entstand auch ein Skigebiet an den steilen Hängen des Rothorns.

Doch schon mehrere Jahrzehnte zuvor konnte der Skitourismus rund um Sörenberg und im restlichen Entlebuch Fuss fassen. War es anfänglich die kuriose Anlage August Wullschlegers mit fahrenden Stützen an einem Schlepplift in Flühli, so hat sich das Nachbardorf Sörenberg bis heute zum grössten Skigebiet des Kantons Luzern entwickelt. Die vornehmlich flachen Hänge wurden anfänglich ausschliesslich durch eine Vielzahl Schlepplifte von unterschiedlichsten Herstellern erschlossen, von denen viele in der Folge gedoppelt wurden, sodass Sörenberg bis heute eine unglaubliche Dichte an Doppelschleppliften aufweist. Eine ganz besondere Konstruktion entstand dabei Mitte der 80er Jahre durch die Firma Garaventa mit dem Doppelschlepplift Schwarzenegg. Um die bestehende Waldschneise vom einzelnen Vorgängerlift nicht deutlich verbreitern zu müssen, werden die beiden talfahrenden Seile höher geführt, als die bergfahrenden Seile. Mit diesem Trick konnte die Seilspur, also der Abstand zwischen den berg- und talfahrenden Seilabschnitten, verkleinert werden. Bis heute wurde diese Idee aber nicht mehr an anderer Stelle aufgegriffen, was in erster Linie damit zu erklären ist, dass derart grosse Förderleistungen, wie sie ein Doppelschlepplift ermöglicht, schon seit den 90er Jahren in der Regel mit Sesselbahnen bewältigt werden.

Doch auch abgesehen vom Doppellift Schwarzenegg weist Sörenberg noch immer eine grosse Breite an Schleppliften verschiedener Hersteller auf. So ist beispielsweise der Schlepplift Rischli erwähnenswert, ein nahezu original erhaltener Schlepplift der Firma Städeli aus den frühen 60er Jahren. Die geringe Höhenlage führte allerdings in den vergangenen Jahrzehnten bei vielen anderen kleineren Skigebieten im Kanton Luzern zu einer Teil- oder Komplettstilllegung, da ausbleibende Schneefälle und mangelnde künstliche Beschneiung für leere Kassen sorgten. Wenige Einzellifte sind es bis heute, die überlebt haben, darunter ein wunderschönes, steil trassiertes Exemplar der Firma Oehler oberhalb von Schüpfheim. Ebenso sind zwei nostalgische Schlepplifte der Firma Müller als Hauptbeschäftigungsanlagen im Skigebiet an der Marbachegg noch immer im Einsatz.

Die Nachbarkantone Ob- und Nidwalden weisen im Gegensatz zu Luzern eine hohe Dichte an interessanten kleineren und grösseren Pendelbahnen auf, speziell im Engelberger Tal zwischen Dallenwil und Grafenort. Quasi das gesamte Tal ist entlang der Engelberger Aa übersäht mit Transport- und Personenseilbahnen, angefangen beim einfachen Heuseil über Materialseilbahnen zum Transport von Waren bis hin zur Personenseilbahn in Form von offenen Holzkisten und Kabinen mit einem Fassungsvermögen von bis zu acht Personen. Die ursprünglich von Landwirten genutzten und betriebenen Seilbahnen können heute zum grossen Teil auch öffentlich befahren werden, unter ihnen auch Exemplare mit einer Existenz von über 70 Jahren. Rund um Dallenwil ist auf diese Weise der Wiesenberg per Bahn erschlossen, er weist zudem auch noch drei kleinere Schlepplifte auf, darunter der letzte noch in Betrieb befindliche des ortsansässigen Seilbahnpioniers Niederberger, nach Bauweise Leitner. Auf der gegenüberliegenden Talseite schliesst sich oberhalb von Niederrickenbach eine einmalige Form der fix geklemmten Sesselbahn an, die Anlage zum Haldigrat. Um in den Genuss einer kantonalen Konzession mit weit geringeren Sicherheitsvorkehrungen zu kommen, wurde die bestehende, ursprünglich eidgenössisch konzessionierte Sesselbahn in eine Gruppenbahn mit vier Sesselgruppen umgebaut. Nicht nur zählt diese Anlage inzwischen zu den ältesten Sesselbahnen der Schweiz, sie bietet auch gleichzeitig über die Wintermonate ein einmaliges Skivergnügen fernab von jeglichem Massentourismus.

Eine Aufzählung aller dieser fahrenswerten, kultigen Kleinpendelbahnen würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen, doch stellvertretend sei die Pendelbahn Obermatt-Unter Zingel nahe Wolfenschiessen erwähnt, eine der ältesten und sicher auch spektakulärsten noch in Betrieb befindlichen Exemplare dieser Art der Seilbahn. Mit Wasserballast betrieben fahren die zweiplätzigen, offenen Kabinen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 45 km/h stützenlos entlang einer senkrecht abfallenden Felswand empor und dies noch immer genau so wie seinerzeit bei der Einweihung im Jahr 1923. Gebaut wurde auch diese Bahn von der Firma Niederberger Dallenwil. Allerdings gilt es zu beachten, dass die Bahn lediglich noch für private Fahrten verwendet werden darf, eine Bewilligung zum öffentlichen Personentransport besitzt sie nicht mehr. Rund 20 Anlagen sind aber während der Sommermonate entweder per Jetonbetrieb oder auf Anfrage von jedermann benutzbar und eignen sich somit vorzüglich zu einer Wanderung durch die Region. Über Winter kann eine derartige Bahnfahrt am erwähnten Wiesenberg, am Haldigrat ob Niederrickenbach sowie auf der Bannalp oberhalb von Oberrickenbach sogar mit Skivergnügen kombiniert werden.

Wem eine Fahrt mit den Kleinpendelbahnen doch etwas zu weit geht, aber dennoch das eine oder andere wertvolle Zeitdokument der Schweizer Seilbahngeschichte während des Skifahrens erleben möchte, der kommt in den drei grossen Skigebieten der Kantone Ob- und Nidwalden, Engelberg, Melchsee-Frutt und Klewenalp-Stockhütte voll auf seine Kosten. In Engelberg, wo einst die erste grosse Pendelbahn der Schweiz 1927 von der Firma Bleichert erbaut wurde, sind auch heute noch mehrere interessante Pendelbahnen in Betrieb. Hierzu zählt im Speziellen die bereits in Kapitel 1.4 erwähnte Pendelbahn auf den Titlis mit ihren drehbaren Kabinen, welche Anfang der 90er Jahre durch die Firma Garaventa realisiert wurde. Doch auch eine historische Standseilbahn der Firma Bell, die letzte nach Bauweise Habegger erstellte Kabinenbahn überhaupt zum Trübsee sowie eine fix geklemmte Sesselbahn über selbigen locken den Seilbahnfreund in die bekannte Tourismusdestination. Nicht weniger interessant ist auch die sich ein Tal weiter westlich befindliche Zubringer-Kabinenbahn zur Melchsee-Frutt, welche ebenfalls aus dem Hause Habegger stammt und eine der letzten vierplätzigen Kabinenbahnen dieses Bautyps samt Bergebahn mit inmittierter Seilführung System Habegger darstellt.

Das Skigebiet oberhalb von Beckenried und Emmetten, die Klewenalp, ist in erster Linie für seinen phänomenalen Blick auf den Vierwaldstättersee bekannt, besitzt aber mit der Zubringerbahn aus Beckenried einen Klassiker des Schweizer Pendelbahnbaus. Bereits Anfang der 30er Jahren des letzten Jahrhunderts entstand auf dieser Linie eine der ersten grösseren Pendelbahnen der Schweiz, der letzte Neubau erfolgte 1972 durch die Firma Von Roll. Die über drei Kilometer lange Vorzeigeanlage überwindet auf ihren mehr als 1100 Höhenmetern auch eine Autobahn und besitzt als seltenes Kuriosum sogar eine Schiffsanlegestelle nahe der Talstation am Seeufer. Als eine der herausragendsten Seilbahnen ihrer Zeit befördert die Pendelbahn auch heute, nach knapp 40 Jahren Betrieb, täglich tausende Wintersportler und Wanderer mit ihren 80 Personen fassenden Kabinen auf die sonnige Klewenalp. Kombiniert werden kann der Ausflug auf die Klewenalp auch mit einer Fahrt mit der historischen Standseilbahn Treib, welche vom Seeufer des Vierwaldstättersees die Urner Exklave Seelisberg erschliesst. Die während des ersten Weltkriegs fertig gestellte Bahn der Firma Von Roll ist bis heute optisch weitgehend im Originalzustand erhalten geblieben.

Ganz bewusst wird am Stanserhorn der Nostalgieaspekt hervorgehoben, in Form der 1893 eröffneten Standseilbahn der Firma Bell. Ursprünglich besass sie drei Sektionen, bei denen die oberen beiden nach einem Brand bereits Mitte der 70er Jahre durch eine Garaventa-Pendelbahn ersetzt wurden. Die unterste Sektion dieser Anlage ist allerdings bis heute noch in Betrieb. Besonders erwähnenswert ist die Bahn allein schon aus dem Grund, dass es sich hier um die erste grosse Standseilbahn der Schweiz handelte, welche anstatt der sonst üblichen Zahnstange das fortschrittliche System der Schienenbremse von Bucher-Durrer einsetzte . Auch wenn sie nicht mehr in Betrieb sind, so weilen drei stumme Zeitzeugen noch immer am Bürgenstock in der Nähe von Stans. Ersterer ist eine Standseilbahn vom Seeufer des Vierwaldstättersees zum Hotel Fürigen, zu welchem parallel in den dreissiger Jahren eine Art Korblift der Firma Niederberger zu einem Strandbad führte. Dieses Unikat ist noch vollständig erhalten, auch wenn es bereits seit mehr als 50 Jahren keine Badegäste mehr befördert hat. Dritte Anlage ist eine kleine Pendelbahn der Firma Oehler, die am Mattgrat, einem Teil des Bürgenstocks, ihre Bergstation besitzt. Auch sie ermöglichte einen Zugang vom Bürgenstock zum Ufer des Vierwaldstättersees, ist aber inzwischen abgesehen von den Stationen weitgehend abgetragen. Letzte verbliebene, in Betrieb befindliche Anlage an dieser Erhebung stellt die nostalgische Standseilbahn zum Hotel Bürgenstock dar, die vor einigen Jahren schonend saniert wurde, sodass sie noch immer ihren nostalgischen Charakter besitzt.

Ähnlich wie in der Region Unterwalden besitzt auch der Kanton Uri eine enorme Dichte an Kleinpendelbahnen, die sich durch sämtliche Haupt- und Seitentäler dieses Urkantons ziehen. Überall trifft man Anlagen älteren und neueren Datums gemischt an, welche einerseits Zugang zu Wanderregionen, Wiesen und Weiden ermöglichen, andererseits aber im Winter auch zum Skifahren genutzt werden können. Gerade im Schächental bietet sich mit dem weit verbreiteten Jetonbetrieb der Bahnen eine grosse Weite an unberührten Hängen, die durch die Kleinpendelbahnen sowie durch einige kleinere Schleppliftanlagen erschlossen werden. Ähnlich wie im Kanton Nidwalden droht sich aber auch im Urnerland, durch den immer häufiger werdenden Strassenbau als Ersatz, dieses alteingesessene und über die Jahrhunderte bewährte Verkehrsmittel langsam aber sicher zu dezimieren.

Das einzige grössere Skigebiet des Kanton Uri befindet sich im bekannten Ort Andermatt, von wo aus seit den 60er Jahren zwei Sektionen Pendelbahnen den knapp 3000 Meter hohen Gemsstock erschliessen. Ursprünglich als eine der wenigen grösseren Personenluftseilbahnen von Bell gebaut, wurden die beiden Anlagen Anfang der 90er Jahre grundlegend von Garaventa modernisiert, sind aber immer noch ebenso spektakulär wie eh und je. Nahe der Mittelstation auf der Gurschenalp ist dazu der letzte noch existente Schlepplift der Firma Bühler der Schweiz in Betrieb, welcher noch in Doppelmayr-Bauweise erstellt wurde. Dies war lediglich bei den allerersten Bühler-Schleppliften zu Beginn der 60er Jahre der Fall.

Auch wenn der Kanton Schwyz aufgrund der Nähe zur Agglomeration Zürich und der damit in Skigebieten erforderlichen grossen Förderleistung nur noch wenige historische Seilbahnen besitzt, so trifft man am Hochstuckli mit dem zwar sanierten, aber dennoch weitgehend originalen Sameli-Huber-Schlepplift Herrenboden den derzeit ältesten seiner Art an. Neben zahlreichen Schleppliften der lokal ansässigen Firma Garaventa in der Mythenregion ist ausserdem eine grosse und förderleistungsstarke Pendelbahn dieser Firma am Hoch-Ybrig aus den 70er Jahren sehenswert.