Seilbahnlexikon - Herausragende Schweizer Seilbahnen

2.6 Ostschweiz

In der Ostschweiz macht sich in besonderer Weise bemerkbar, welcher Zusammenhang zwischen Höhenlage und Erschliessung der Berge durch Seilbahnen besteht. Je höher gelegen, desto häufiger dient die Seilbahn als Transportmittel. Weitgehend das Alpenvorland und somit Berge in geringer Höhenlage umfassend ist es nicht verwunderlich, dass sich die Seilbahn in dieser Region der Schweiz nie derart etablieren konnte, wie beispielsweise im Wallis, Berner Oberland oder im angrenzenden Kanton Graubünden. Dennoch entstanden auch in flacheren Gefilden im Laufe der Zeit einige Skigebiete, zudem konnten mit dem Säntis und dem Hohen Kasten zwei prominente, schroffe Bergspitzen mit Aussicht auf den nahe gelegenen Bodensee und die umliegenden Nachbarländer der Schweiz erschlossen werden. Einzig im Kanton Glarus war es auch möglich, weitaus höhere Regionen flächendeckend mit Seilbahnen zu bestücken.

Wie in vielen anderen Regionen wurde die Seilbahn aber in ursprünglicher Form in erster Linie als urbanes Transportmittel verwendet. So entstanden in Sankt Gallen und Zürich mehrere innerstädtische Standseilbahnen. Aber auch Anlagen zu Berghotels und Anhöhen konnten in Bad Ragaz und Walzenhausen, beide im Kanton Sankt Gallen gelegen, noch im 19. Jahrhundert realisiert werden. Die erste für den Skitourismus ausgelegte Standseilbahn der Ostschweiz entstand 1934 im Obertoggenburg, auf der Achse von Unterwasser nach Itios. Die durch die Firma Von Roll konzipierte Anlage ist bis heute mit ihrem nostalgischen Charakter erhalten geblieben, obwohl sich rund herum eines der grössten Skigebiete der Ostschweiz entwickelte. Die restlichen ehemals sehr zahlreich vorhandenen historischen Seilbahnen wie Gurtenschlepplifte, Funischlitten und Seitwärtsesselbahnen ereilte jedoch wie in so vielen grossen Skigebieten das gleiche Schicksal, sie wurden samt und sonders durch modernere, leistungsfähigere Anlagen ersetzt. Erhalten geblieben ist allerdings ein besonderes Zeitdokument in Form der zweiten Sektion im Anschluss an die Standseilbahn, von Itios auf den Chäserugg. Bei dieser Pendelbahn handelt es sich um eine vergleichbare Anlage wie die zuvor bereits vorgestellte Anlage von Beckenried auf die Klewenalp, erbaut durch die Firma Von Roll. Im Nachbarort Alt Sankt Johann wurde mit der Kombibahn Selamatt 2003 auch eine technisch interessante Anlage neueren Datums realisiert.

Insbesondere im Kanton Sankt Gallen, aber auch im Appenzeller- und Zürcher Oberland halten sich bis heute eine grosse Zahl an kleineren Skigebieten und einzelnen Dorfschleppliften, die teils noch aus der Feder von heute nicht mehr existenten Herstellern stammen. Zahlreiche kommen dabei von der im Kanton Zürich ansässig gewesenen Firma Städeli, die in Fischenthal, Degersheim, Gommiswil, Hintergoldingen und Bäretswil, um nur einige Beispiele zu nennen, viele ihrer Konstruktionen absetzen konnte. Seltene Exemplare trifft man auch vom Traditionshersteller Brändle an, der in Grub und Speicher zwei bis heute in Betrieb befindliche Anlage erbaute. Eine zwar stillgelegte, aber nicht weniger interessante Ausführung findet sich etwas abseits vom Skigebiet Atzmännig nahe Hintergoldingen, wo nicht nur eine einmalige Stützenform eingesetzt wurde, sondern auch immer noch die originalen Brändle-Schleppliftgehänge zu bestaunen sind. Ebenso historisch wertvoll ist der Schlepplift Osteregg in Urnäsch, welcher im Original von 1944 noch von Sameli-Huber stammt und von Brändle sowie Garaventa umgebaut wurde.

Zu den grössten Luftseilbahnen der Ostschweiz zählen die beiden bereits zuvor erwähnten Anlagen am Hohen Kasten bei Brülisau sowie am Säntis auf der Schwägalp. Letztere Pendelbahn entstand in ihrer ersten Form bereits in den dreissiger Jahren als eine der ersten grossen Pendelbahnen der Schweiz überhaupt, konstruiert von der Firma Bleichert. Nach rund 40 Jahren Betrieb folgte 1974 eine Ersatzanlage der Firma Garaventa, die mit ihren beiden Zwischenstützen und 100 Personen fassenden Kabinen bis zum heutigen Tag einen der bekanntesten und höchst gelegenen Gipfel der Ostschweiz zugänglich macht. Einen ganz ähnlichen Zweck verfolgt auch die Pendelbahn zum Hohen Kasten von Habegger, welche allerdings lediglich über die Sommermonate in Betrieb ist und im Gegensatz zur Säntisbahn keinen Skibetrieb anbietet.

Ganz in der Nähe des hohen Kastens befindet sich auf der Ebenalp ein Habegger-Schlepplift, der inzwischen ein Unikat darstellt. Als letzter Schlepplift überhaupt besitzt er noch die Urform der Habegger-Portalstützen, die in den 50ern und zu Beginn der 60er Jahre eingesetzt wurde.

Auch wenn er zu den eher kleineren Kantonen gehört, so findet man im Kanton Glarus eine Vielzahl an interessanten Seilbahnen auf kleinem Raum. Zu verdanken ist dies in erster Linie der ehemals in Schwanden ansässigen Firma Streiff, welche in ihrem Heimatkanton während rund 30 Jahren eine Vielzahl an kleineren Pendelbahnen sowie Sesselbahnen und Schleppliften realisieren konnte. Speziell in den beiden grossen Skigebieten des Kantons, Braunwald und Elm, entstanden in den 70er Jahren einige kuriose Konstruktionen mit äusserst raren Stützenformen. In Braunwald war es aber auch, wo Streiff sich Anfang der 90er Jahre im Nischenmarkt der Gruppenbahnen zu versuchen begann. Zwei Sektionen dieser zur damaligen Zeit aufstrebenden Seilbahnart wurden von Braunwald zum Grotzenbüel fertig gestellt. Eine ähnliche Anlage wurde wenig später auch im Nachbarkanton Sankt Gallen gebaut, allerdings blieb es aufgrund mangelnden Interesses seitens der Skigebietsbetreiber an diesem Seilbahntyp bei wenigen dieser Anlagen.

Doch auch abgesehen von den Streiffschen Seilbahnanlagen bietet der Kanton Glarus mit zwei der grössten Seilbahnen weltweit ein absolutes Schmuckstück des Seilbahnbaus. Zur Erweiterung der Kraftwerke Linth-Limmern wurden bislang zwei Schwerlastpendelbahnen mit 40 Tonnen Nutzlast realisiert, die mit ihren rekorddicken Tragseilen zu den grössten Seilbahnen überhaupt gehören, die je realisiert wurden und in Sachen Ausmass nahezu alle bisherigen Anlagen in den Schatten stellen. Parallel dazu ist eine bereits betagtere, aber nicht weniger interessante Windenbahn der Firma Habegger seit über 50 Jahren im Einsatz, sie ist dient auch dem öffentlichen Personentransport.

Abschliessend darf auch eine Erwähnung der Gruppenpendelbahn Saxli-Schönhalden am Kleinberg oberhalb von Flums nicht fehlen. Zwischen den völlig modernisierten und grossen Skigebieten am Pizol und Flumserberg findet sich hier eine ganz besondere Anlage, die auch ein kleines Skigebiet mit einem Schlepplift erschliesst. Die heutige Anlage wurde Mitte der 70er Jahre durch die lokal ansässige Firma Bartholet realisiert, wobei die Stützen von der kurze Zeit zuvor ersetzten Oehler-Kabinenbahn am Pizol zum Einsatz kamen. Diese stammten noch von einem der ganz raren Exemplare Oehlers mit dem kuriosen Kuppelsystem bei Kabinenbahnen.