Seilbahnlexikon - Herausragende Schweizer Seilbahnen

2.8 Tessin

Auch wenn man die Südschweiz eher mit Sommer und warmen Temperaturen in Verbindung bringt, so sind Skigebiete auch im Kanton Tessin bei weitem keine Seltenheit. Zwar sind inzwischen einige optimistische Projekte, die zur Boomzeit des Skisports in den 60er und 70er Jahren entstanden, ob der geringen Nachfrage und klimatisch ungünstigen Verhältnisse gescheitert, doch noch immer bietet eine Hand voll grösserer Gebiete sowie zahlreiche einzelne Dorflifte Skibetrieb an.

Abgesehen von den Seilbahnen zum Skifahren sind im Tessin aber auch zahlreiche Bahnen zum innerstädtischen Personentransport sowie zu Anhöhen oberhalb grosser Städte wie Locarno oder Lugano zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden, sogar teils häufiger als in manch anderen Kantonen der Deutsch- und Westschweiz. Mit dem Monte San Salvatore und dem Monte Bré sind es gleich zwei Standseilbahnen rund um Lugano, die Zugang zu Erhebungen mit wunderbarem Panorama auf den Lago di Lugano ermöglichen.

Während die nostalgische Anlage am Monte Bré weitgehend original bis heute in Betrieb ist, wurde die Bahn am Monte San Salvatore nach der Jahrtausendwende nahezu komplett neu gebaut. Das Antriebskonzept blieb jedoch erhalten, sodass es sich technisch gesehen bis heute um eine einzige Sektion handelt, bei der die Fahrzeuge aber nur bis zur Mittelstation fahren und wieder zurück. Prinzipiell genau wie bei der Pendelbahn von Stechelberg nach Mürren im Berner Oberland müssen die Fahrgäste in der Mitte umsteigen.

Eine weitere ganz besonders interessante Standseilbahn führt von Piotta zum Stausee Ritom im nördlichen Teil des Tessins in der Leventina. Die ehemals ausschliesslich für den Kraftwerksbetrieb genutzte Anlage ist heute für das Publikum geöffnet und zählt neben der Bahn zum Lac d’Emosson im Wallis zu den steilsten öffentlichen Standseilbahnen der Schweiz. Doch nicht nur die Steilheit, sondern auch ihr kurioser Windenantrieb im Tal, zu dem das Förderseil neben der Trasse zurückgeführt wird, macht sie zu einem Schweizer Unikat.

Eine weitere ebenso historische Standseilbahn findet sich auch in der Stadt Locarno, von wo eine 1906 eröffnete Anlage mit mehreren Mittelstationen den Stadtteil Madonna del Sasso vom Ufer des Lago Maggiore aus erschliesst. Dieser altehrwürdige Oldtimer der Firma Von Roll findet eine Fortsetzung in Form einer recht neuen Pendelbahn zum Skigebiet Cardada. Besonderheit dieser vom Von Roll-Nachfolger Doppelmayr Thun hergestellten Anlage ist, dass sie als eine der ersten eidgenössisch konzessionierten Pendelbahnen keine Fangbremse mehr aufweist. Aus diesem Grund kann sie personalsparend ohne Kabinenbegleiter betrieben werden. Ein weiteres besonderes Element sind die von Mario Botta entworfenen Stationen und Kabinen, die die Bahn zu einem absoluten Einzelstück machen. Wiederum eine einmalige Bahn bildet die dritte Sektion, eine der Von Rollschen VR101 nachgeahmte Seitwärtssesselbahn der Firma Doppelmayr. Um den nostalgischen Flair der in den 50er Jahren von Carlevaro & Savio, einem italienischen Hersteller, gebauten Seitwärtssesselbahn zu erhalten, wurde eine Spezialkonstruktion mit ebenfalls seitlich ausgerichteten Zweiersesseln angefertigt. Mit den beiden betagten Garaventa-Schleppliften am Gipfel der Cimetta bildet das Skigebiet Cardada eines der kultigsten der gesamten Schweiz.

Ähnlich wie im Kanton Wallis dient ein grosser Anteil der Seilbahnen im Tessin aber nicht dem Skibetrieb, sondern Kraftwerken. Neben der bereits angesprochenen Standseilbahn Piotta-Ritom sind es vor allem Pendelbahnen, die im Tessin weit verbreitet sind. Viele dieser Anlagen stammen wie so oft vom Spezialisten für Pendelbahnen mit grosser Nutzlast, der Firma Habegger. Höhepunkt bilden dabei zwei Anlagen auf Robiei oberhalb von San Carlo im Valle Bavona. Schon in den 60er Jahren realisierte Habegger diese beiden Bahnen mit einer Nutzlast von bis zu 20 Tonnen, Rekord für die damalige Zeit. Bis heute sind sie erhalten geblieben, die untere Sektion ermöglicht mit einer Personenkabine auch der Öffentlichkeit Zugang zum Hochplateau Robiei.

Speziell im Raum Bellinzona, in der Magadinoebene sowie im Centovalli findet man aber auch zahlreiche Kleinpendelbahnen, die Weiler oder kleinere Ortschaften oberhalb des Talbodens erschliessen. Viele von ihnen stammen von der lokal agierenden Firma Meyer, welche unter anderem aus Occasionsteilen anderer Anlagen diese Bahnen zusammenbaute. Besonders interessant ist dabei eine Pendelbahn oberhalb von Camorino, südlich von Bellinzona, bei der das Zugseil über der Befestigung der einzigen Kabine zurückgeführt wird. Diese nutzt das Zugseil als Tragseil und befährt es mit Laufrollen, ähnlich wie beim Pendelbahnsystem des Konstrukteurs André Rébufell.

Wie bereits angesprochen sind im vergangenen Jahrzehnt einige Skigebiete im südlichen Teil des Tessins zugrunde gegangen, da die schwindende Nachfrage nach Skifahren in derart südlich und tief gelegenen Bereichen für leere Kassen sorgte. Betroffen waren hiervon in erster Linie die Skigebiete am Monte Lema und am Monte Tamaro, in denen unterdessen alle Anlagen für den Skibetrieb abgebaut wurden und lediglich die Zubringerbahnen als Ausflugsbahnen im Sommer geöffnet sind. Gerade diese beiden Anlagen zählen aber zu den besonderen in der Südschweiz. Ähnlich wie am Niederhorn im Berner Oberland baute die Firma Streiff Ende der 90er Jahre am Monte Lema eine grosse Gruppenbahn mit Trag- und Zugseil, welche als Ersatz für eine Seitwärtssesselbahn der Marke Von Roll fungiert. Ein Zeitdokument des italienischen Seilbahnbaus stellt die Kabinenbahn von Rivera zur Alpe Foppa am Monte Tamaro dar, ist sie doch die letzte derartige Anlage der Alpen, die noch mit dem traditionsreichen italienischen Kuppelklemmensystem der Firma Carlevaro ausgestattet ist.

Anlagentechnisch speziell erwähnenswert sind zudem die beiden noch existenten Skigebiete Airolo und Leontica im nördlichen Tessin. Das Skiareal von Airolo wurde im Jahr 1994 grundlegend modernisiert, die Erneuerungen nahm die Firma Von Roll vor, es handelte sich dabei um einen der letzten grossen Aufträge dieses Schweizer Traditionsherstellers im Seilbahnbau. Zwei Pendelbahnen wurden als Ersatz für die überlastete Zubringeranlage erstellt, eine grosse, schwere Bahn als erste Sektion mit Kabinen für 100 Personen, sowie eine stützenlose, kurze zweite Sektion mit 40-plätzigen Kabinen. Darüber hinaus wurde mit einem Schlepplift und einer kuppelbaren Sesselbahn aber auch eine völlig neue Geländekammer erschlossen. Bei der Sesselbahn handelte es sich um die erste von zwei in der Schweiz gebauten Anlagen nach dem System Quattro, einem leichten, kompakten System für Vierersesselbahnen des Thuner Herstellers.

Auch die neueste Anlage im Skigebiet von Leontica, im Valle di Blenio gelegen, datiert aus den 90er Jahren. Wie so oft wurde das Skigebiet mit einer langen, fix geklemmten Sesselbahn 30 Jahre zuvor erschlossen, für die man mit ihrer langen Fahrzeit dringend einen Ersatz benötigte. Die chronische Finanznot der Tessiner Skigebiete sorgte dafür, dass ähnlich wie bei den Herstellern Von Roll und Garaventa ein Umbau der bestehenden Bahn in eine kuppelbare Sesselbahn erfolgte. Die Anlage der Firma Leitner wurde mit Zweiersesseln bestückt, die zusätzlich mit Hauben ausgestattet sind und so ein Schweizer Unikat sind. Die zweite Sektion Sesselbahn, welche Skifahrern und Schlittlern die Alpe di Nara zugänglich macht, ist aber bis heute erhalten geblieben. Diese Anlage, die wie die ursprüngliche erste Sektion aus dem Hause Städeli stammt, ist heute mit rund 2200 Metern die längste ihrer Art in der Schweiz und ein stiller Zeitzeuge der Boomjahre des Skitourismus in den 70er Jahren, als derartige Bahnen zu hunderten in der Schweiz aus dem Boden schossen.