Seilbahnlexikon - Geschichte & Technik

1.3 Standseilbahnen

1.3.1 Allgemeiner Aufbau der Standseilbahn

Mit der Erfindung des Drahtseils ergab sich erstmals die Möglichkeit, Personen sicher seilgezogen den Berg hinaufzubefördern. Die Erfindung der Standseilbahn bescherte auch der Schweiz eine landesweite Entwicklung der Seilbahnen . Als einziges schienengebundenes Seilbahnsystem ähnelt die Standseilbahn am stärksten den gewöhnlichen Eisenbahnen, was den Ursprung der Seilbahnen generell unterstreicht. Am weitesten verbreitet ist das System der Pendelstandseilbahn, bei dem zwei Wagen zwischen der Berg- und Talstation hin und her pendeln. Beide Wagen sind über ein Drahtseil miteinander verbunden, welches in der Bergstation über eine Antriebsscheibe läuft und so die Wagen bewegt. Jedoch gibt es auch Bahnen mit nur einem Wagen, bei denen das Förderseil auf einer Winde auf- und abgerollt wird. In diesem Fall spricht man auch von einer Windenbahn. Während bei der klassischen Standseilbahn, wie sie im 19. Jahrhundert entstand, lediglich ein Drahtseil zwischen den beiden oberen Wagenenden via der Bergstation installiert wurde, weisen neuere Anlagen des Öfteren auch ein Seil zwischen den beiden unteren Wagenenden auf, welches durch die Talstation geleitet wird. In diesem Fall ist in der Talstation eine Abspanneinrichtung untergebracht. Im Laufe der Jahre entstanden allerdings auch zahlreiche Varianten dieser beiden Systeme, sodass es viele Unikate gibt. In der Schweiz zählt dazu auch die Standseilbahn Piotta-Ritom im Tessin, bei der es sich zwar um eine Windenstandseilbahn handelt, die Winde samt Antrieb befindet sich jedoch in der Talstation, sodass das Zugseil in der Bergstation umgelenkt wird und neben der Bahn zur Talstation zurückgeführt wird, wo es dann auf- oder abgerollt wird.

Bei der Erzeugung der Antriebskraft haben sich zwei wesentliche Ideen durchgesetzt. Die ersten Bahnen, die noch vor der Jahrhundertwende gebaut wurden, betrieb man mit Wasserkraft. Beide Wagen waren dabei mit einem Tank ausgerüstet. Der Tank des Wagens, der sich in der Bergstation befand, wurde so lange mit Wasser gefüllt, bis er schwer genug war, um den zweiten Wagen hinaufzuziehen. Dieses System kam in der Schweiz letztmals 1899 in Fribourg zum Einsatz, wo man bis zum heutigen Tag das Wasser der Kanalisation als Antriebskraft nutzt. Diese Bahn ist die letzte der Schweiz, die dieses System noch anwendet, alle anderen Bahnen wurden auf Elektromotoren umgebaut, einer Antriebsart, die sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts etablieren konnte.

Deutlich ist die Entstehung aus der Zahnradbahn daran festzumachen, dass in den Anfängen der Standseilbahnen als Sicherungsbremse ein Zahnstangensystem eingesetzt wurde, das im Falle eines Seilrisses den Wagen sicher gestoppt hätte. Bis 1893 wurde dieses System bei allen Schweizer Standseilbahnen eingesetzt. Beim Bau der Stanserhornbahn, der durch die Firma Bell durchgeführt wurde, kam erstmals das so genannte System Bucher-Durrer zum Einsatz, bei welchem eine Bremse direkt an den Führungsschienen angebracht ist. Im Falle einer abfallenden Spannung des Förderseils greift die Bremse an die Schiene und schraubt sich dort fest. Die Konstruktion von Bucher-Durrer setzte sich im Laufe der Zeit durch, sparte man sich doch auf diese Weise die Kosten für den Bau einer Zahnstange. Bahnen mit Wasserballast wurden jedoch weiterhin mit einer Zahnstange ausgerüstet, um den talfahrenden Wagen vor der Station abzubremsen.

Ebenfalls wegweisend war die Erfindung der Abtschen Ausweiche. Roman Abt, seines Zeichens auch Erfinder des Abtschen Zahnstangensystems, entwickelte eine Ausweiche für Pendelstandseilbahnen mit zwei Wagen. Zuvor hatten beide Wagen eine eigene, separate Fahrstrecke. Da sich die beiden Wagen aber immer nur genau in der Mitte der Strecke begegnen, erwies es sich als Kosten sparend, nur einen Schienenstrang mit einer Ausweichstelle in der Mitte zu erbauen. Abts Erfindung ermöglichte genau dies. Da man jedoch nicht wie bei Eisenbahnen eine aufwändige Weichenanlage mit beweglichen Teilen bauen wollte, wurden nur die äusseren Räder der Wagen mit einem Spurkranz versehen, der die Richtung vorgibt, die inneren Räder hingegen wurden mit Walzrädern versehen, die nur für Stabilität sorgen, nicht aber für die Richtung verantwortlich sind.

Ein prominenter früher Vertreter des Systems ist die 1879 erbaute Giessbachbahn, welche auch heute noch in Betrieb ist . Während bei einem Wagen die Räder auf der rechten Seite einen Spurkranz aufweisen und dieser daher bei der Ausweiche die rechte Fahrstrecke befährt, ist es beim zweiten Wagen genau umgekehrt der Fall.

1.3.2 Verbreitung in der Schweiz

Die erste Standseilbahn auf Schweizer Boden entstand 1877 in Lausanne am Genfer See als Verbindung vom Seeufer Ouchy in die Innenstadt. Diese von der Maschinenfabrik Bell erstellte Bahn kann man als erste Schweizer Seilbahn der Neuzeit bezeichnen, bei der es sich um eine klassische, in der Folge noch oft anzutreffende Anlage im städtischen Bereich handelte. Dieses System erfreute sich grosser Beliebtheit und wurde in der Folge in zahlreichen anderen Schweizer Städten wie Luzern, Biel, Bern, Zürich, Lugano, Locarno, Neuchâtel, Fribourg und St. Gallen vielfach eingesetzt. Federführend im Bau dieser Bahnen waren dabei die Maschinenfabrik Bell sowie der grosse nationale Konkurrent, die Ludwig Von Rollschen Eisenwerke. Ebenfalls benutzt wurden die Standseilbahnen aber auch zur Erschliessung von Bergdörfern wie Crans-Montana, Mürren, Braunwald oder dem Beatenberg, die sich später zu touristischen Zentren ausbildeten. Daneben wurden Standseilbahnen auch zum Bau und zum Betrieb von Kraftwerken verwendet, wie es beispielsweise im Reusstal der Fall war. Die erste für touristische Zwecke ausgelegte Anlage war die Giessbachbahn im Berner Oberland nahe Brienz, welche 1879 eröffnet wurde. Sie dient bis heute, weitgehend im Originalzustand erhalten, als Verbindung vom Grandhotel Giessbach zu einer Schiffsanlegestelle am Brienzer See.

Mit dem immer stärker aufkommenden Tourismus in der Schweiz wurde die Standseilbahn jedoch auch für Bergerschliessungen eingesetzt, was erstmals 1893 am Stanserhorn bei Luzern der Fall war. Doch nicht nur das machte die Stanserhornbahn zu einer absoluten Pionieranlage. Eine Länge von knapp 4 km und eine Höhendifferenz von 1390 m, aufgeteilt in drei Sektionen, waren europaweiter Rekord . In der Folge entstanden bis zum ersten Weltkrieg zwei weitere solche Bahnen am Muottas Muragl nahe St. Moritz und am Niesen. Die Erschliessung der beiden Berge, die in Graubünden respektive dem Berner Oberland liegen, unterstrich schon damals die zentrale Bedeutung des Tourismus für diese Regionen.

Bis heute sind die meisten dieser Bahnen noch in Betrieb, teilweise noch nahezu original, wie die angesprochene Giessbachbahn bei Brienz, teilweise auch modernisiert. In Städten sind diese Bahnen wie in zahlreichen anderen Ländern weitestgehend in das öffentliche städtische Nahverkehrssystem integriert.

Die touristische Erschliessung der Berge nahm bis zum ersten Weltkrieg nur sehr langsam zu, sodass die 1899 erbaute Schatzalpbahn in Davos und die 1913 erstellte Chantarellabahn in St. Moritz die ersten und einzigen Standseilbahnen für lange Zeit bleiben sollten, die ausschliesslich für den Skitourismus, der zu jener Zeit ohnehin nur als kurzzeitige Modeerscheinung angesehen wurde, gebaut wurden. Während des ersten Weltkrieges wurde der Bau von Bahnen auf eidgenössischem Boden fast gänzlich eingestellt. Die einzige Bahn, die während dieser Zeit gebaut wurde, war die 1916 fertig gestellte Standseilbahn Treib-Seelisberg am Vierwaldstättersee. Nach 1918 wurden nur noch vereinzelt Standseilbahnen erstellt, man setzte fortan auf deutlich flexiblere Luftseilbahn . Während der Zwischenkriegszeit blieb es bei einigen Anlagen in touristischen Zentren wie Davos, Toggenburg oder St. Moritz, wo noch Standseilbahnen zum Skifahren gebaut wurden, sowie bei einigen Kraftwerksbahnen.

1980 schliesslich baute Von Roll die erste Standseilbahn seit 1944, die für skifahrerische Zwecke gedacht war, in Zermatt. Grund dafür war, dass man auf der einen Seite eine kapazitätsstarke Anlage als Zubringer ins Skigebiet benötigte, auf der anderen Seite aber die Natur und das Bergpanorama nicht beeinträchtigen wollte. Die daher vollständig unterirdisch gebaute Anlage war wegweisend für viele andere Skigebiete, die in der Folge ähnliche Projekte verwirklichten. So entstand nur vier Jahre später in Saas Fee die höchste Standseilbahn der Welt, die bis auf 3500 Meter Höhe führt. Auch diese befördert die Gäste vollständig unter dem Erdboden. Hiermit konnte eine witterungsunabhängige Bahn realisiert werden, die ausserdem das Bergpanorama in keiner Weise beeinträchtigt. Auch in Saint-Luc im Val d’Anniviers wurde Anfang der 90er Jahre genau wie in Zermatt eine Sesselbahn durch eine kapazitätsstarke und mehrheitlich wetterunabhängige Standseilbahn ersetzt. Dennoch lässt sich feststellen, dass Standseilbahnen heute bei weitem nicht mehr den gleichen Stellenwert besitzen wie vor 100 Jahren. Mehrheitlich wurden in den letzten Jahren alte Standseilbahnen automatisiert und erneuert, jedoch keine komplett neuen Anlagen realisiert. Eine erwähnenswerte Ausnahme stellt die zur Expo 2002 in Neuchâtel errichtete, unterirdische und innerstädtische Anlage nahe dem Bahnhof dar, die zudem die erste eidgenössische Standseilbahn mit automatischem Niveauausgleich ist, will heissen, dass sich der Wagen der Neigung so anpasst, dass er stets einen horizontal gerichteten Boden aufweist.